Kampf auf der Nordsee – wie sich Windparks gegenseitig den Wind rauben

Deutschlands Energiewende steckt mitten im Kampf um knappe Ressourcen. Auf der Nordsee entstehen immer mehr Windparks, die sich gegenseitig blockieren. Die Nähe der Anlagen führt zu Stromverlust, Streit und Unsicherheit für Milliardeninvestitionen. Lukas Vollmer vom Fraunhofer-Institut in Bremen beschreibt die Lage nüchtern: „Auf der deutschen Nordsee wird es viele Windräder geben, die sich gegenseitig die Energie wegnehmen.“


Kampf um Windparks auf der Nordsee

Wie ernst die Entwicklung ist, zeigte sich am 1. August. An diesem Tag plante die Bundesnetzagentur eine Auktion für zwei Flächen in der Deutschen Bucht. Doch trotz geplanter 2,5 Gigawatt Leistung blieb das Interesse aus. Kein Investor gab ein Gebot ab. Bereits im Juni waren nur zwei Bieter aufgetreten. Für 180 Millionen Euro erhielt TotalEnergies eine Fläche – ein Schnäppchen, das jedoch massive Einbußen für den Bundeshaushalt bedeutete. Vollmer sieht die Nähe bestehender Windparks als Ursache.

Kampf um den Wind - Windparks rauben einander den Wind, resultierender Stromverlust birgt Milliardenrisiken für Investoren
Kampf um den Wind – Windparks rauben einander den Wind, resultierender Stromverlust birgt Milliardenrisiken für Investoren

Dabei gelten die Ausbauziele der Energiewende als hoch. Bis 2030 sollen 30 Gigawatt Leistung auf See entstehen, bis 2045 sogar 70 Gigawatt. Doch die Nordsee ist bereits eng belegt: 24 Windparks liefern Strom, 26 weitere sind in Planung oder im Bau. Einige liegen kaum einen Kilometer auseinander, was Stromverlust verstärkt und langfristig den Kampf um rentable Flächen anheizt.

Stromverlust als unterschätzte Gefahr

Die physikalischen Effekte sind klar. Je dichter Windparks gebaut werden, desto höher der Stromverlust. Vollmer warnt: „Man hat die Verluste lange unterschätzt.“ In Extremfällen sinkt die Ausbeute um 20 Prozent. Die Situation ähnelt einem Bergschatten: Hinter einem Park erhalten die nachgelagerten Rotoren deutlich weniger Energie.

Schon seit den 1980er-Jahren kennt man die Abschattung. Damals waren die Anlagen klein, heute ragen sie fast so hoch wie der Eiffelturm. Hundert Kolosse pro Fläche sind keine Seltenheit. Jakob Eckardt vom Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft spricht von einer „echten Bedrohung für die gesamte Branche“. Milliarden fließen in Projekte, doch unattraktive Flächen schwächen die Dynamik der Energiewende.

Internationale Konflikte um Wind

Nicht nur Deutschland steht im Kampf um geeignete Flächen. In Großbritannien kollidieren Pläne von BP, EnBW und Ørsted. Das dänische Unternehmen fühlte sich durch neue Projekte „existenziell bedroht“. Erst nach Verhandlungen zog es seine Vorwürfe zurück. Joachim Reuder von der Universität Bergen mahnt: „Es wird immer mehr Konflikte um Wind geben.“

Auch Staaten selbst geraten aneinander. Niederlande und Belgien streiten über Verluste von bis zu drei Prozent. Deutschland verzeichnet ähnliche Probleme mit niederländischen Windparks vor seiner Küste. Reuder fordert daher internationale Abkommen, um Stromverlust fair zu verteilen – ähnlich wie Wasserrechte bei Flüssen.


Modelle und Auswege

Forscher liefern inzwischen präzisere Modelle. Vollmer arbeitet mit Wetterdaten aus typischen Windjahren. So zeigt sich, wie stark sich Windparks gegenseitig beeinflussen. Während frei stehende Anlagen über 4000 Volllaststunden schaffen, erreichen eng platzierte Flächen oft nur 3000. Die Aussicht auf geringen Ertrag schreckt Investoren ab.

Als Lösung schlägt Vollmer eine breitere Verteilung vor. Flächen für Militär oder Naturschutz könnten teilweise freigegeben werden. Kooperationen mit Staaten wie Dänemark bieten Chancen, da dort viel Platz und geringerer Strombedarf besteht. Auch das Bundeswirtschaftsministerium prüft Möglichkeiten, Abschattungseffekte zu reduzieren und die Energiewende zu stabilisieren.

Trotz aller Probleme bleibt Vollmers Fazit positiv: Offshore-Rotoren auf der Nordsee liefern nach wie vor die ergiebigste Form erneuerbarer Energie. Selbst im Kampf um den Wind bleibt ihr Potenzial für die Zukunft entscheidend.

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