Japans Schuldenbombe: Warum die Zinswende in Tokio das globale Finanzsystem erschüttern kann

Japans Schulden gelten seit Jahren als Sonderfall. Viele Investoren sahen das Land trotz extremer Staatsverschuldung lange nicht als akute Gefahr. Der Grund war einfach. Die Zinsen blieben ultraniedrig. Die Bank of Japan hielt den Geldmarkt billig. Genau dieses Modell beginnt nun zu bröckeln. Damit wächst die Gefahr für das globale Finanzsystem.

Der Internationale Währungsfonds beziffert die japanische Bruttoverschuldung des Staates für 2025 auf rund 248,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Damit gehört Japan weiter zu den am höchsten verschuldeten Industrieländern der Welt. Gleichzeitig war das Land über viele Jahre ein zentraler Lieferant für billiges Kapital. Diese Kombination ist brisant. Denn wenn ein so hoch verschuldeter Staat aus der Ära des Billiggelds herausmuss, bleiben die Folgen nicht auf Japan begrenzt.


Die Bank of Japan hat die Ära der Nullzinsen beendet

Im März 2024 vollzog die Bank of Japan einen historischen Kurswechsel. Sie beendete die Negativzinspolitik und rückte zugleich von ihrer jahrelangen Steuerung der Renditen japanischer Staatsanleihen ab. Ende Juli 2024 hob sie den Leitzins weiter auf rund 0,25 Prozent an. Später folgten weitere Schritte. Damit änderte sich die Lage an den Finanzmärkten grundlegend.

Was technisch klingt, hat enorme Wirkung. Jahrzehntelang konnten sich Marktteilnehmer in Japan fast kostenlos refinanzieren. Dieses billige Geld floss nicht nur in die heimische Wirtschaft. Es wurde weltweit investiert. Genau daraus entstand ein Mechanismus, der die internationalen Kapitalmärkte lange mit angetrieben hat: der Yen-Carry-Trade.

Der Yen-Carry-Trade war ein unsichtbarer Treiber der Hausse

Beim Yen-Carry-Trade leihen sich Investoren Geld in Yen zu niedrigen Zinsen. Dieses Kapital stecken sie dann in höher verzinste Anlagen im Ausland. Das können US-Staatsanleihen sein, Aktien, Unternehmensanleihen oder andere spekulative Positionen. Solange der Yen schwach bleibt und die Zinsen in Japan niedrig sind, funktioniert dieses Modell. Es wirft dann oft ohne großen Aufwand Rendite ab.

Japans Schulden und die Zinswende der Notenbank könnten Börsen, Anleihen und den deutschen Markt unter Druck setzen.
Japans Schulden und die Zinswende der Notenbank könnten Börsen, Anleihen und den deutschen Markt unter Druck setzen.

Genau hier liegt das Problem. Sobald die Zinsen in Japan steigen oder der Yen aufwertet, geraten diese Geschäfte unter Druck. Dann müssen Positionen geschlossen werden. Kapital fließt zurück. Aus einem jahrelangen Liquiditätsmotor wird in kurzer Zeit ein Belastungsfaktor für die Märkte.

Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich beschreibt in ihren Analysen, dass sich seit 2022 erneut ein ausgeprägter yen-finanzierter Carry-Trade aufgebaut hatte. Reuters berichtete im August 2024, dass die abrupte Auflösung solcher Positionen bereits massive Turbulenzen an den Märkten ausgelöst hatte. Damals war sogar von einem globalen Abverkauf die Rede, der durch das Zurückdrehen yen-finanzierter Wetten mit ausgelöst wurde.

Warum Japans Schulden jetzt gefährlicher werden

Japans Schulden waren schon vorher gewaltig. Neu ist aber das Umfeld. Höhere Zinsen erhöhen mit Verzögerung die Finanzierungskosten. Das trifft einen Staat mit einem derart hohen Schuldenstand besonders hart. Der IWF erwartet zwar kurzfristig noch eine gewisse Stabilisierung, warnt aber zugleich, dass die hohe Staatsverschuldung bestehen bleibt und mittelfristig wieder ansteigen dürfte. Gründe sind unter anderem steigende Zinslasten sowie wachsende Ausgaben für Gesundheit und Pflege in einer alternden Gesellschaft.

Damit entsteht ein doppeltes Risiko. Erstens kann die Zinswende in Japan globale Kapitalströme verändern. Zweitens steigt der Druck auf den japanischen Staatshaushalt selbst. Wenn beide Entwicklungen zusammenfallen, wächst die Gefahr für Anleihen, Währungen und Aktienmärkte zugleich.


Auch Deutschland wäre betroffen

Für Deutschland ist das keine ferne Asien-Geschichte. Verwerfungen an den globalen Anleihe- und Devisenmärkten treffen auch den deutschen Markt. Steigen die Renditen weltweit, geraten kreditabhängige Unternehmen unter Druck. Zugleich können stärkere Wechselkursschwankungen den Außenhandel belasten. Kommt es an den internationalen Börsen zu einem breiten Risikoabbau, werden auch deutsche Aktien meist mit nach unten gezogen.

Hinzu kommt ein weiterer Punkt. Deutsche Banken, Versicherer und Fonds sind eng mit den internationalen Kapitalmärkten verflochten. Wenn Liquidität plötzlich knapper wird oder große Marktteilnehmer Positionen auflösen müssen, bleibt das auch für Europa nicht folgenlos. Gerade in einer Phase schwachen Wachstums kann ein externer Finanzschock die Lage zusätzlich verschärfen.

Die Gefahr wird an den Märkten noch unterschätzt

Viele Anleger konzentrieren sich auf die USA, auf China oder auf geopolitische Krisen. Japan steht seltener im Mittelpunkt. Das kann sich als Fehler erweisen. Denn das Land war über Jahrzehnte ein stiller Stabilitätsanker des globalen Finanzsystems. Billiges Geld aus Japan half dabei, Vermögenspreise weltweit zu stützen. Fällt dieser Mechanismus weg oder kehrt sich um, kann das Schockwellen auslösen.

Japans Schulden sind deshalb nicht nur ein nationales Problem. In Verbindung mit der Zinswende der Notenbank werden sie zu einem globalen Risikofaktor. Die große Frage lautet nicht mehr, ob sich die Lage verändert. Sie lautet, wie heftig die Märkte reagieren, wenn aus billigem Yen-Geld plötzlich knapperes Kapital wird.

Quellen

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