Grüner Strom im Überfluss – warum immer mehr Betreiber ihre Solaranlagen abschalten

Deutschland meldet Rekorde bei Wind- und Solarstrom, doch zugleich wächst ein neues Problem. Betreiber nehmen Anlagen immer öfter freiwillig vom Netz, obwohl die Produktion sauber und billig wäre. Denn an vielen Tagen kippt der Markt in ein Überangebot und die Börsenpreise rutschen ins Minus. Dieser Überfluss verändert die Anreize für neue Investitionen und verschärft die Systemlücke zwischen Erzeugung, Netzen und Verbrauch (montel.energy: 03.02.26).


Überfluss im Netz – wenn Rekordproduktion zum Abschalten führt

Die Handelsplattform Montel EnAppSys beziffert das Ausmaß klar, zudem belegt eine Studie den Sprung im Jahr 2025. Rund 1,75 Terawattstunden grüner Strom wurden freiwillig abgeregelt. Das liegt fast 25 Prozent über dem Vorjahr und entspricht etwa 0,3 Prozent der Jahresstromproduktion. Deshalb spricht die Analyse nicht von Einzelfällen, sondern von einem strukturellen Muster.

Grüner Strom im Überfluss – das „Kannibalen-Problem“ drückt Erlöse, treibt Abschaltungen und verschärft die Negativpreise an der Börse
Grüner Strom im Überfluss – das „Kannibalen-Problem“ drückt Erlöse, treibt Abschaltungen und verschärft die Negativpreise an der Börse

Der Auslöser sitzt an der Strombörse, weil das Angebot an sonnigen oder windreichen Stunden die Nachfrage überholt. Viele Solaranlagen speisen dann gleichzeitig ein, doch die Leitungen und Märkte stoßen an Grenzen. In der Folge sinken die Preise und negative Stunden häufen sich regional. Betreiber reagieren wirtschaftlich, denn sie vermeiden Verluste, wenn sie die Produktion stoppen. Dieser Überfluss trifft damit nicht nur die Börse, sondern auch die Planungssicherheit.

Solarspitzengesetz – wenn sich Abregeln plötzlich lohnt

Bis vor Kurzem konnten viele Anlagenbetreiber negative Preise eher aussitzen, weil eine Vergütung trotzdem floss. Das setzte Fehlanreize und die Netze gerieten zusätzlich unter Stress. Deshalb beschlossen SPD, Grüne und Union kurz vor der Bundestagswahl im Februar das Solarspitzengesetz. Neugebaute Anlagen erhalten seitdem keine Vergütung mehr, wenn sie bei negativen Börsenpreisen einspeisen.

Die Praxis folgt der Logik des Gesetzes, jedoch mit Nebenwirkungen. Betreiber schalten lieber ab, statt Strom mit Minuspreisen zu verkaufen. Das stabilisiert kurzfristig Netze und Märkte, denn weniger Einspeisung dämpft den Preissturz. Jean-Paul Harreman, Studienautor und Director bei Montel EnAppSys, ordnet das so ein: „Obwohl das Abschalten emissionsfreier Erzeugung umstritten ist, hilft die kommerzielle Abregelung, die Funktionsfähigkeit der Märkte aufrechtzuerhalten“.

Das „Kannibalen-Problem“ frisst Erträge und bremst neue Projekte

Der Mechanismus trifft die Erneuerbaren selbst, denn jeder zusätzliche Solarpark drückt die Erlöse aller anderen. Genau daraus entsteht das „Kannibalen-Problem“. Wenn Solarstrom zur gleichen Zeit in Massen anfällt, sinkt der Wert dieser Kilowattstunden. Investoren kalkulieren dann vorsichtiger, und Projekte brauchen mehr Absicherung.

Hinzu kommt ein Effekt im Kraftwerkspark, während negative Preise seltener und weniger extrem ausfallen. Fossile Kraftwerke bleiben dadurch leichter im Markt, weil die Preissignale weniger hart gegen sie arbeiten. Das schwächt den Klimanutzen, obwohl die installierte Leistung steigt. Harreman beschreibt zudem die Marktlogik so: „Produzenten erneuerbarer Energie begrenzen den Preisverfall und stabilisieren die tatsächlichen Marktpreise sowie die Kannibalisierungseffekte, indem sie in Zeiten negativer Preise ihr Angebot vom Markt zurückziehen.“


Speicher und Flexibilität – so ließe sich Überschussstrom nutzen

Der eigentlich verfügbare Vorteil geht verloren, obwohl Haushalte und Industrie davon profitieren könnten. Mit mehr Speichern, smarter Steuerung und flexiblen Verbrauchern ließe sich Überschussstrom direkt einsetzen, zum Beispiel fürs Laden von E-Autos oder für industrielle Prozesse. Doch der Ausbau der Speicher hinkt dem Zubau der Erzeugung hinterher, und Smart Meter fehlen vielerorts. Dadurch bleibt der Markt starr, obwohl die Technik längst bereitsteht.

Montel sieht deshalb eine klare Priorität, nämlich Netze, Speicher und Flexibilität schneller auszubauen als bisher. Betreiber suchen bereits neue Erlösquellen, indem sie zusätzliche Märkte nutzen oder Batteriespeicher koppeln. Solange Deutschland diese Systemlücke nicht schließt, bleiben Überangebotsphasen Alltag. Folglich wird es weiter sonnige Tage geben, an denen Betreiber absichtlich keinen Strom erzeugen, obwohl die Anlagen laufen könnten, weil der Überfluss sonst wieder in negative Preise kippt.

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