Groß-Gerau lehnt 2,5-Milliarden-Rechenzentrum wegen Terrorgefahr und Hitzebelastung ab

Groß-Gerau hat das 2,5-Milliarden-Euro-Rechenzentrum von Vantage Data Centers abgelehnt, weil die Stadt vor allem Terrorgefahr, Cyberangriffe und hybride Bedrohungen als Risiko einstuft und zugleich eine höhere lokale Hitzebelastung durch bis zu 30 Meter hohe Gebäudeblöcke befürchtet. Zudem zweifelte die Kommune an der Verlässlichkeit der Gewerbesteuer und bemängelte die geringe Zahl direkter Arbeitsplätze. Trotzdem fällt die Entscheidung hart aus, weil sie ein Projekt mit 174 Megawatt Leistung auf einem 14 Hektar großen Gelände stoppt und damit eine strategische Weichenstellung gegen digitale Infrastruktur setzt.


Die Absage trifft den Standort Groß-Gerau nicht den Konzern

Die Stadtverordnetenversammlung lehnte das Vorhaben mit 18 zu 14 Stimmen ab, und zwar nach rund 90 Minuten kontroverser Debatte. CDU und Kombi-FWG stimmten dafür, jedoch lehnten SPD, Grüne, FDP, Freie Wähler und Linke ab. Aus der Verwaltung hieß es, im Publikum sei Erleichterung spürbar gewesen, während diese Erleichterung für den Standort teuer werden kann. Denn Vantage kann weiterziehen, doch Groß-Gerau bleibt mit einer Fläche zurück, die wieder neu vermarktet werden muss.

Groß-Gerau stoppt das 2,5-Mrd.- Projekt für Rechenzentrum: Terrorrisiko und Hitzeangst siegen – Signal an Investoren fatal
Groß-Gerau stoppt das 2,5-Mrd.- Projekt für Rechenzentrum: Terrorrisiko und Hitzeangst siegen – Signal an Investoren fatal

Vantage erklärte, man akzeptiere die Entscheidung und bespreche die nächsten Schritte. Das klingt sachlich, aber es heißt auch: Der Investor rechnet ohne Groß-Gerau weiter. Das ist ein Warnsignal, weil künftige Interessenten politische Volatilität einkalkulieren. Wer ein Milliardenprojekt stoppt, muss deshalb schnell zeigen, welche Nutzung stattdessen kommt, sonst wird aus dem Nein ein Stillstand.

Terrorgefahr als Argument: zu pauschal, zu bequem

Die Stadt nannte die Anlage einen potenziellen Angriffspunkt für Terrorismus sowie für Cyber- und hybride Angriffe. Das Problem liegt nicht im Hinweis, sondern in der Konsequenz, denn Risiken lassen sich durch Schutzkonzepte reduzieren, statt durch Wegstimmen zu verschwinden. Außerdem entsteht kritische Infrastruktur längst in der Region, und sie wird durch Verlagerung nicht automatisch sicherer. Sinnvoll wären klare Vorgaben für Perimeterschutz, Zutritt, Redundanzen, Krisenübungen und abgestimmte Zuständigkeiten gewesen, weil genau dort reale Resilienz entsteht.

Cybergefahren hängen zudem primär an Betrieb, Architektur und Sicherheitsniveau, nicht an der Gemeindegrenze. Wenn Groß-Gerau das Risiko ernst nimmt, müsste die Kommune Standards einfordern, statt das Thema als K.O.-Kriterium zu nutzen. Sonst bleibt nur ein Schlagwort, aber keine belastbare Sicherheitslogik.

Hitze und Abwärme: reale Punkte, aber planbar

Die befürchtete Hitzebelastung durch große Baukörper ist nicht aus der Luft gegriffen. Dennoch ist sie steuerbar, wenn eine Stadt Planung konsequent nutzt, etwa über Baukörperanordnung, Entsiegelung, Begrünung, Wasserflächen und Kaltluftschneisen. Viele Kommunen genehmigen große Gewerbebauten, obwohl diese ebenfalls mikroklimatisch wirken, und genau deshalb wirkt die Begründung hier selektiv. Wenn Hitze wirklich das Leitmotiv ist, dann müsste die Stadt bei allen Großvorhaben gleichermaßen hart argumentieren.

Auch die Abwärmenutzung wurde als problematisch beschrieben, weil die Stadt investieren müsste. Diese Aussage ist korrekt, aber sie lenkt vom Kern ab: Ohne Investitionen gibt es keine Wärmewende und keine robuste Infrastruktur. Wer Abwärme nur dann akzeptiert, wenn sie ohne Aufwand geliefert wird, blockiert ein Modell, das andernorts längst als Baustein für Wärmenetze gilt.


Nutzen-Debatte: zu eng geführt

Es stimmt, dass Hyperscale-Anlagen oft weniger direkte Jobs schaffen als klassische Industrie. Trotzdem entstehen indirekte Effekte über Bau, Wartung, Sicherheit, Netzbetrieb und Zulieferketten, während stabile Grundsteuereinnahmen kommunale Haushalte entlasten können. Die Kritik an unsicheren Gewerbesteuern ist nachvollziehbar, jedoch taugt sie nicht als alleinige Bremse, weil Gewerbesteuern bei vielen Branchen schwanken. Wer nur auf absolute Sicherheit setzt, genehmigt am Ende kaum noch etwas.

Zudem verursacht der Betrieb vergleichsweise wenig Verkehr, was im Rhein-Main-Gebiet ein harter Standortvorteil ist. Eine Ablehnung garantiert nicht, dass stattdessen ein „besseres“ Projekt kommt, denn häufig folgt dann Logistik mit Dauerverkehr. Diese Abwägung gehört zur ehrlichen Bilanz.

KI-Boom und Frankfurt-Cluster: Groß-Gerau stellt sich abseits

Die Metropolregion Frankfurt ist Deutschlands Rechenzentrums-Hotspot. Laut Bitkom stehen dort mehr als ein Drittel aller Rechenzentren, und die Region produziert mehr als 1100 Megawatt (Stand 2025). Bitkom betont zudem: „Analysten gehen davon aus, dass der zusätzliche Bedarf an KI-Kapazitäten in Deutschland stärker steigen wird als das Angebot“. Genau deshalb wirkt die Absage nicht wie Vorsorge, sondern wie Abkopplung von einem Wachstumstreiber, der ohnehin weiterzieht.

Groß-Gerau hätte mit 174 Megawatt einen relevanten Beitrag leisten können, und zwar unter strengen Auflagen. Stattdessen bleibt der Eindruck, dass die Kommune Risiken maximiert, indem sie Chancen ausschlägt und das Problem verlagert. Denn der Bedarf verschwindet nicht, sondern landet nur woanders.

Ein Nein ohne Plan bleibt eine Schwächung

Die Entscheidung kann politisch mehrheitsfähig sein, aber sie braucht eine überzeugende Anschlussstrategie. Bislang dominieren Bedrohungsbegriffe und Klimarisiken, während konkrete Alternativen für Fläche, Einnahmen und Infrastruktur fehlen. Damit wird das Votum zum Signal der Unsicherheit, und dieses Signal schadet dem Standort. Groß-Gerau hat Risiken nicht gelöst, sondern nur die Möglichkeit aufgegeben, sie aktiv zu steuern.

Lesen Sie auch:

Nach oben scrollen