Am 12.02.2026 lag der Füllstand Deutschlands Gasspeicher nur noch bei 25,60 Prozent. Damit rückt eine Schwelle in den Fokus, die oft falsch eingeordnet wird: 20 Prozent sind keine politische Marke, sondern eine harte physikalische Grenze. Viele Debatten kreisen um „wie viel“ Gas noch da ist, doch im Ernstfall zählt „wie schnell“ es aus dem Speicher kommt. Genau an diesem Punkt werden niedrige Füllstände zum Risiko, weil Porenspeicher bei sinkendem Druck deutlich an Leistung verlieren und weniger Gas in das Netz einspeisen können.
Der Denkfehler bei 20 Prozent
Viele denken vielleicht: „20 % sind doch noch ein Fünftel“, aber ein Porenspeicher arbeitet nicht wie ein Autotank, den man fast restlos leerfahren kann. Das Gas steckt in porösem Gestein, oft Sandstein, und verteilt sich in winzigen, verbundenen Poren. Je leerer der Speicher wird, desto schwerer lässt sich der Rest herausdrücken, denn der Druck fällt mit jeder Entnahme.

Betreiber und Branchenvertreter benennen das seit Jahren, zudem verweisen BVEG und die Speicherinitiative INES auf die Trägheit dieser Speicherart. Porenspeicher liefern nicht einfach „weniger“, sie liefern vor allem „langsamer“. Das wirkt harmlos an milden Tagen, jedoch in einer Kältewelle entscheidet die Stundenleistung oder genauer gesagt der Massenstrom.
Der Grund liegt in der Strömungsphysik, weil Gas durch poröses Material fließen muss. Sinkt das Druckgefälle, sinkt auch der Durchsatz. Dadurch wird ein niedriger Füllstand schnell zu einem Leistungsproblem. Dann zählt nicht, wie viel Gas noch im Speicher ist, sondern wie schnell es herauskommt, wenn plötzlich viele Verbraucher gleichzeitig Gas brauchen.
Darcy-Gesetz: Physik als Leistungsbremse
Henry Darcy beschrieb 1856, wie Fluide durch poröse Medien strömen und dieser physikalische Zusammenhang ist entscheidend. Mehr Druck bedeutet mehr Gasfluss. Weniger Druck bedeutet weniger Gasfluss, deshalb fällt die Entnahmeleistung mit sinkendem Speicherstand.
Analysen des Energieexperten Markus Schall aus Februar 2026 zeigen ein stabiles Muster. Bis etwa 50 Prozent bleibt die Entnahme relativ stabil. Um 35 Prozent liegt die Leistung bereits rund 22 Prozent unter dem Wert eines vollen Speichers, aber unter 20 Prozent bricht sie so stark ein, dass die Spitzenlast kaum noch zu bedienen ist.
Damit entsteht ein gefährlicher Eindruck von Reserve, denn „Gas vorhanden“ heißt nicht „Gas verfügbar“. In der Praxis zählt, ob der Speicher in kurzer Zeit genug liefern kann. Genau diese Fähigkeit schrumpft, sobald der Druck zu weit sinkt.
Porenspeicher gegen Kavernen – zwei Systeme, zwei Aufgaben
Deutschland stützt sich auf Kavernenspeicher und Porenspeicher, doch beide erfüllen unterschiedliche Rollen. Kavernen in Salzstöcken lassen sich schnell be- und entladen. Sie wirken wie ein „Turbolader“ für das Gasnetz, weil sie Lastspitzen schneller abfangen können.
Porenspeicher sind dagegen groß, aber sie reagieren träge und druckabhängig. Ein großer Teil der Kapazität steckt in solchen Formationen.
Ende Januar 2026 zeigte sich die Schieflage exemplarisch, denn bayerische Porenspeicher lagen bei etwa 25 Prozent statt der Vorgabe von 40 Prozent. Der größte Speicher Rehden lag bei rund 11 Prozent. Solche Werte sind nicht nur Mengenangaben, sondern ein Hinweis auf eine schrumpfende Entnahmeleistung.
Warum unter 20 Prozent mehrere Effekte gleichzeitig wirken
Unter 20 Prozent greifen drei Mechanismen zusammen, deshalb wird die Lage abrupt kritischer. Erstens sinkt der Lagerstättendruck in großer Tiefe mit jeder Entnahme. Zweitens verläuft der Leistungsabfall nicht linear, sondern überproportional, sobald der Speicher weit geleert ist.
Drittens spielt das Kissengas eine zentrale Rolle, denn ein Teil des Gases muss im Untergrund bleiben, um Mindestdruck zu halten. Die veröffentlichten Füllstände betreffen meist das Arbeitsgas, jedoch sie zeigen nicht die ganze Druckrealität. Dadurch wirkt ein „Rest“ bei 20 Prozent größer, während die nutzbare Lieferrate gleichzeitig zusammenschmilzt.
Am Ende steht ein harter Befund, der oft übersehen wird: Ein Porenspeicher kann bei 20 Prozent noch Gas enthalten. Er kann es nur zu langsam liefern, wenn die Kälte den Verbrauch nach oben treibt.
Winterbedarf: Die Lücke entsteht über die Leistung
Im Winter liegt der Bedarf im Schnitt bei rund 4 TWh pro Tag. An sehr kalten Tagen steigt er bis etwa 5 TWh. Pipeline- und LNG-Importe liefern derzeit ungefähr 3,1 bis 3,3 TWh täglich. Damit müssen 0,7 bis 1,9 TWh pro Tag aus Speichern kommen, sonst klafft eine Versorgungslücke.
Wenn Porenspeicher wegen Druckverlust weniger leisten, verschärft sich das Problem, weil die fehlende Menge kurzfristig kaum kompensierbar ist. Gleichzeitig können Exporte in Nachbarländer die Lage zusätzlich verengen, während die Spitzenlast im Inland steigt. Genau deshalb ist die 20-Prozent-Schwelle so brisant, denn sie markiert den Übergang vom Mengen- zum Leistungsengpass.
Der Kern bleibt einfach, aber unbequem: Die Physik setzt eine Grenze. Politik kann Ziele formulieren, doch die Physik entscheidet über den Durchfluss. Wer Versorgungssicherheit will, muss Speicher so führen, dass die Entnahmeleistung auch im Winter stabil bleibt. (KOB)
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