Gasspeicher auf kritischem Niveau – „Alle in der Branche beten jetzt für warmes Wetter“

Deutschlands Gasspeicher leeren sich im Winter schnell und erreichen mittlerweile ein kritisches Niveau. Dabei bleibt der Süden wegen weniger Speicherkapazität und hoher Industrienachfrage besonders anfällig. Die Kälte treibt die Entnahmen, dazu verschärft ein Markt mit schwachen Anreizen zum Einspeichern die Lage zusätzlich. Mit fallenden Reserven steigt außerdem auch noch das technische Risiko, weil Betreiber Gas bei sehr niedrigen Pegeln schwerer aus den Speichern holen können. Bundesregierung, Betreiber und Bundesnetzagentur nennen die Situation beherrschbar, zugleich nimmt der Wirtschaftsausschuss das Thema erneut auf. In der Branche bleibt deshalb ein nüchterner Wunsch nach Entlastung: „Alle in der Branche beten jetzt für warmes Wetter“ (zeit: 17.02.26).


Markt und Infrastruktur drücken das Niveau nach unten

Deutschland ging schon mit vergleichsweise geringen Reserven in die Heizsaison, weil das frühere Speicher-Geschäft an Logik verliert. Betreiber verdienten lange am saisonalen Preisgefälle, jedoch kippten die Signale durch neue Preisrelationen und hohe LNG-Verfügbarkeit. Dadurch lohnt Einspeichern oft weniger, während der Verkauf in einzelnen Phasen attraktiver wirkt. Das verändert Entscheidungen, obwohl die gesetzlichen Füllvorgaben weiter gelten.

Die deutschen Gasspeicherstände nähern sich einem kritischem Niveau - Regierung beschwichtigt, doch Experten beten für wärmeres Wetter
Die deutschen Gasspeicherstände nähern sich einem kritischem Niveau – Regierung beschwichtigt, doch Experten beten für wärmeres Wetter

Viele Marktteilnehmer setzen zugleich auf staatliche Stabilisierung, weil Trading Hub Europe im Ernstfall ausgleichend eingreift. Der Speicherverband sieht darin eine Verschiebung der Verantwortung, während die Preissignale an Schärfe verlieren. Sebastian Heinermann sagt: „Die Preissignale am Gas-Großhandelsmarkt wurden durch die Füllstandsvorgaben für Gasspeicher verzerrt“. Trading Hub Europe reagierte zuletzt mit Sonderausschreibungen, damit der Markt im Gleichgewicht bleibt. Das hilft kurzfristig, jedoch löst es nicht das Grundproblem der fehlenden Wirtschaftlichkeit.

LNG entlastet, doch regionale Engpässe bleiben

Die Bundesregierung verweist auf mehrere LNG-Terminals an Nord- und Ostsee sowie auf Pipelinegas aus Norwegen und weiteren Ländern. Das schafft zusätzliche Optionen, jedoch bleibt der Beitrag der Terminals begrenzt und stößt bei Auslastung an Grenzen. Genau deshalb warnt Heinermann: „Es reicht bei weitem nicht, sich nur auf die LNG-Terminals zu verlassen“. In Kältephasen steigt der Verbrauch deutlich, während zusätzliche Importe nur begrenzt nachziehen.

Hinzu kommen Störungen, die unmittelbar wirken, weil Eis und Kälte in Küstennähe Abläufe verzögern können. Vor Rügen konnten Tanker zeitweise nicht anlegen, deshalb musste ein Eisbrecher helfen. Gleichzeitig ist der Transport großer Gasmengen in den Süden anspruchsvoll, während Netzengpässe und Druckführung die Flüsse begrenzen. Das verschärft das Niveau der Risiken dort, wo die Industrie schnelle Verfügbarkeit braucht.


Abhängigkeit, Wiederbefüllung und Streit um die Reserve

Deutschland bezieht einen Großteil seines LNG aus den USA, während Wetterereignisse und Ausfälle dort Europas Preisniveau schnell beeinflussen können. Als im Januar Anlagen in Texas bei Winterstürmen ausfielen, zogen Preise an, weil Händler geringere Liefermengen fürchteten. Der Grünen-Politiker Michael Kellner sagt: „Die LNG-Lieferungen, auf die das Ministerium beständiger verweist, kommen fast vollständig aus den USA. Europa rutscht so in eine gefährliche Abhängigkeit“. Aus der Union kommt zugleich der Ruf nach breiterer Streuung, weil Diversifikation Risiken senkt.

Im Frühjahr muss die Branche die Speicher wieder auffüllen, während die Ausgangslage diesmal deutlich schlechter ist. SPD-Energiepolitiker Armand Zorn erwartet: „Die Wiederbefüllung wird anspruchsvoll und möglicherweise teurer“. In der Union kursiert ein Papier zur Prüfung einer strategischen Gasreserve, außerdem wertet das Wirtschaftsministerium Studien zu Füllstandsvorgaben aus und spricht von einem „vertieften Dialog mit den Stakeholdern der Gasbranche“. Der BDEW nennt eine nationale Reserve „ein sinnvolles Instrument“, jedoch bleibt offen, wer zahlt und wie der Staat Markteffekte begrenzt. Ein dauerhaft belastbares Niveau an Versorgungssicherheit kostet Geld, doch ohne Vorsorge drohen im Krisenfall noch höhere Milliardenlasten.

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