Gasmangel – die Situation spitzt sich immer mehr zu

Die Energiesituation in Deutschland verschärft sich und das Risiko eines Gasmangels steigt spürbar. Am 30.01.2026 lagen die deutschen Gasspeicher bei rund 32,75 %, das entspricht etwa 82,3 TWh gespeicherter Energie (risknet: 01.02.26). Dieses Niveau bewegt sich nahe an der gesetzlichen Mindestmarke von 30 % zum 1. Februar. Das ist kritisch, weil Speicher im Winter die kurzfristige Flexibilität liefern müssen. Pipelineflüsse lassen sich nicht beliebig erhöhen, Verbrauchsspitzen werden daher primär über Speicherentnahmen abgefedert. Bei gleichbleibendem, wintertypischem Verbrauch reichen die verbleibenden Gasreserven in einem angespannten Szenario nur noch maximal etwa sechs Wochen. Je kälter die Witterung, desto schneller sinken die Bestände, weil an Frosttagen die täglichen Entnahmen stark steigen.


Gasmangel – Norwegen als größter Lieferant kann nicht kurzfristig ausgleichen

Norwegen bleibt der wichtigste Pipeline-Lieferant für Deutschland. Genau daraus entsteht oft die Annahme, man könne bei Engpässen „einfach mehr“ bestellen. Technisch ist das kaum möglich.

Speicher fast leer: Norwegen am Limit, USA-LNG wackelt. Eine Dunkelflaute kann den Gasmangel in nur 6 Wochen zuspitzen
Speicher fast leer: Norwegen am Limit, USA-LNG wackelt. Eine Dunkelflaute kann den Gasmangel in nur 6 Wochen zuspitzen

Die Leitungen nach Deutschland arbeiten bereits in einer Hochlastphase nahe ihrer Kapazitätsgrenze. Zusätzliche Größenordnungen von 150 bis 200 GWh pro Tag lassen sich kurzfristig nicht aus dem System herauspressen, weil Pipelinekapazität, Druckführung und vorgelagerte Anlagen physische Grenzen setzen. Damit verliert Norwegen als vermeintliche Reserve an Bedeutung, wenn sich der Gasmangel im Winter weiter zuspitzt.

Nach Betreiberangaben von Gassco liegt die technische Tageskapazität der drei Hauptleitungen nach Deutschland bei Europipe 48,0 Mio. Sm³/Tag, bei Europipe II bei 73,5 Mio. und bei Norpipe 34,0 Mio. – zusammen 155,5 Mio. Sm³/Tag. Das entspricht, je nach Brennwert, grob einer theoretischen Obergrenze von rund 1,6 bis 1,8 TWh pro Tag. Mehr ist physisch nicht transportierbar, und der verbleibende Spielraum ist Betriebsreserve für Druck und Stabilität. Zusätzliche große Mengen sind daher kurzfristig nicht zu erwarten.

Niederlande: noch geringere Speicherstände, weniger Spielraum für Lieferungen

Häufig wird in Engpassdebatten auf zusätzliche Mengen aus den Niederlanden verwiesen. Der Haken: Die Speicherstände dort sind derzeit noch niedriger als in Deutschland. Damit sinkt der Exportspielraum. In einer Knappheitslage sichern Staaten zunächst die eigene Versorgung. Größere, verlässlich abrufbare Zusatzmengen aus den Niederlanden sind deshalb deutlich weniger wahrscheinlich. Das erhöht das Risiko, dass ein Gasmangel nicht durch Nachbarländer abgefedert werden kann.

USA: Freez-off senkt Förderung und damit Exportfähigkeit

Auch der LNG-Markt liefert nicht automatisch Entlastung. Kältewellen in den USA erhöhen nicht nur den Eigenverbrauch, sie können auch die Förderung direkt dämpfen. Ursache ist der sogenannte „Freeze-off“: Bei starkem Frost vereisen Anlagen, Ventile und Leitungen, was die Produktion zeitweise reduziert und teils auch die Verarbeitung und Verflüssigung beeinträchtigt. Dadurch sinkt die kurzfristig verfügbare Exportmenge zusätzlich. Selbst wenn europäische Terminals technisch aufnehmen können, fehlt dann die Ware auf dem Weltmarkt oder sie wird deutlich teurer und stärker umkämpft. In der Praxis ist LNG damit in einer akuten Kältephase kein stabiler Notfallhebel für Mitteleuropa, was einen Gasmangel wahrscheinlicher macht.


Strommix – Gasanteil und Dunkelflaute als Verstärker

Gas spielt nicht nur für Wärme und Industrie eine Rolle, sondern auch in der Stromerzeugung. Im Jahr 2025 kam in Deutschland rund 13,8 % des Stroms aus Gaskraftwerken. Im Januar 2026 lag der Erdgasanteil im Strommix zeitweise bei rund 20,8 % und damit deutlich über dem Jahresschnitt, was die Stresslagen bei ungünstiger Witterung sichtbar macht. Bei einer längeren Dunkelflaute – wenig Wind und wenig Sonne – steigt der Bedarf an regelbaren Kraftwerken. Dann laufen Gaskraftwerke häufiger und länger. Das erhöht den Gasverbrauch zusätzlich. Eine längere Dunkelflaute wirkt damit wie ein Multiplikator und verschärft den Gasmangel zusätzlich.

Fazit

Die Lage spitzt sich zu, weil mehrere Puffer gleichzeitig schwächer sind: niedrige deutsche Speicherstände, noch geringere Reserven in den Niederlanden, wetterbedingte Einschränkungen in den USA und physisch begrenzte Steigerungsmöglichkeiten aus Norwegen. Wenn Verbrauch und Witterung ungünstig bleiben, schrumpft die Reserve schnell. Dann entscheiden Speicherbewirtschaftung, Nachfrageflexibilität und Kraftwerkseinsatz darüber, wie stabil das System durch die nächsten Wochen im Winter kommt. (KOB)

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