Gashändler VNG verlangt einen staatlichen Notfallplan für den kommenden Winter

In Leipzig hat der Gashändler VNG vor einem wachsenden Risiko für die deutsche Gasversorgung im kommenden Winter gewarnt, obwohl der Iran-Krieg nach Einschätzung des Unternehmens kurzfristig noch keine akute Versorgungskrise auslöst. Die deutschen Gasspeicher lagen Anfang April, nur noch bei 22,18 Prozent und damit auf einem historischen Tief, während der Bund bis zum 1. November eine Füllhöhe von 80 Prozent verlangt. Auslöser der neuen Unsicherheit sind laut VNG die Folgen des Kriegs für eine wichtige Route von LNG-Tankern, denn dadurch bleiben die Einkaufspreise hoch und das Einspeichern lohnt sich für viele Unternehmen kaum noch. Zugleich drehte ein zuvor sichtbarer Aufwärtstrend wieder ins Minus, obwohl Regierung und Versorger kurz zuvor noch bessere Signale gesendet hatten. Das größte Risiko liegt deshalb nicht in einem sofortigen Lieferstopp, sondern in der Frage, wer die fast leeren Speicher rechtzeitig füllt und wer die Kosten trägt (welt: 01.04.26).


Gashändler sieht kurze Entspannung nur als Fehlsignal

Noch in der ersten April-Woche hatten Sprecher der Bundesregierung und mehrere Energieversorger auf eine vorsichtige Entspannung verwiesen. Auf den europäischen Übersichtsseiten zeigten die deutschen Speicher erstmals wieder grüne Pluswerte, obwohl vielerorts weiter geheizt wurde. Das wirkte beruhigend, erwies sich jedoch nur als kurzes Zwischenhoch.

Gashändler VNG warnt vor Rekordtief bei Gasspeichern. Ohne Staatseingriff drohen hohe Kosten und neue Risiken bis zum Winter
Gashändler VNG warnt vor Rekordtief bei Gasspeichern. Ohne Staatseingriff drohen hohe Kosten und neue Risiken bis zum Winter

Dann kippte das Bild erneut. Statt weiterer Einspeicherung meldeten die Daten wieder rote Zahlen, sodass aus Kavernen- und Porenspeichern trotz Rekordtiefs weiter Gas abfloss. Das verschärft den Druck, weil die Versorger von Mitte April an nur noch gut sechseinhalb Monate Zeit haben, die Reserven bis Anfang November massiv aufzustocken.

Marktlogik bricht unter dem Preisdruck weg

Normalerweise folgt das Speichergeschäft einer einfachen Logik. Im Sommer kaufen Händler Erdgas günstiger ein und lagern es ein, während sie es im Winter teurer verkaufen. Dieses Modell funktioniert derzeit jedoch nicht, weil der Abstand zwischen Sommer- und Winterpreisen am Terminmarkt zu klein ist.

Genau das betont VNG-Chef Ulf Heitmüller. Nach seiner Darstellung war der sogenannte Sommer-Winter-Spread zuletzt so schwach, dass sich Einlagerungen wirtschaftlich nicht rechnen konnten. Teilweise lag er sogar unter null, und deshalb fehlte den Unternehmen jeder Anreiz, jetzt größere Mengen für den Winter zu kaufen.

Gashändler VNG fordert frühen Plan B vom Staat

Heitmüller drängt deshalb auf frühe politische Vorbereitung. Er sagte: „Die Politik sollte jetzt anfangen, sich Gedanken zu machen, wie sie die Speicher füllen kann, falls die Unternehmen das nicht leisten können“. Entscheidend sei rasches Handeln, weil ein später Eingriff den Staat deutlich mehr kosten könne.

Wie ernst die Lage ist, machte Heitmüller mit einer klaren Zahl deutlich. „Zeitweise hatten wir einen negativen Spread von sechs Euro die Megawattstunde – es wäre Harakiri gewesen, zu diesem Preis zu kaufen.“ Der Verweis erinnert an 2022, als der Bund über Trading Hub Europe selbst Gas am Weltmarkt einkaufen musste und dafür mehr als 13 Milliarden Euro ausgab.

Versorgung gilt als stabil, doch neue EU-Regeln erhöhen den Druck

Trotz der Warnung beschreibt VNG die eigene Lage derzeit als stabil. Das Leipziger Unternehmen beliefert rund 400 Stadtwerke, Regionalversorger und Industriekunden in Deutschland, Polen und Tschechien. Außerdem betreibt der Konzern im Osten Deutschlands ein rund 8000 Kilometer langes Leitungsnetz sowie vier große Untergrundspeicher.

Auch wirtschaftlich steht das Unternehmen solide da. Bei einem Umsatz von rund 18 Milliarden Euro erzielte VNG ein bereinigtes EBITDA von 422 Millionen Euro. Heitmüller sagte: „Wir verkaufen keine ungedeckten Schecks“, und ergänzte zugleich: „Unsere Vertriebspartner sind stabil.“


Neue Lieferrisiken treffen den Markt zusätzlich

Das Gas kommt aus mehreren Quellen, was kurzfristig hilft. Der größte Teil fließt per Pipeline aus Norwegen, weitere Mengen stammen aus Aserbaidschan sowie als LNG über norddeutsche Häfen. Zudem orderte VNG 2024 als erstes Unternehmen leitungsgebundenes Gas aus Algerien und verhandelt dort über größere Volumen.

Gerade dort wächst jedoch neuer Druck. Die EU-Methan-Verordnung verlangt von Lieferanten außerhalb der Union detaillierte Nachweise über Emissionen bei Förderung und Produktion, während bei Verstößen hohe Strafen drohen. Heitmüller sagte deshalb: „So wie der Stand heute ist, sind wir nicht in der Lage, neue Verträge mit Algerien zu machen“.

Berlin setzt auf Reserve und neuen Pragmatismus

Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche will die Methan-Verordnung deshalb in Deutschland pragmatisch und zurückhaltend umsetzen. Außerdem kündigte sie den Aufbau einer strategischen Gasreserve an, die sich an der staatlichen Ölreserve orientieren könnte. Damit reagiert Berlin auf die wachsende Sorge, dass Klimavorgaben und Marktlage zugleich die Versorgungssicherheit schwächen.

VNG will diesen Kurs auch für neue Projekte nutzen. Das Unternehmen prüft Ammoniak-Importe über Rostock, außerdem Wasserstofflösungen und den Aufbau einer CO₂-Infrastruktur. Für den kommenden Winter bleibt jedoch ein Punkt zentral: Die Speicher müssen sich ab Mitte April schnell füllen, obwohl der Markt dafür derzeit kaum wirtschaftliche Anreize bietet.

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