Gascade nimmt deutsche Wasserstoff-Pipeline in Betrieb – doch es gibt keinen einzigen Abnehmer

Gascade hat Ende Dezember 2025 eine 400 Kilometer lange Pipeline mit Wasserstoff gefüllt, doch kein Abnehmer hat Kapazität gebucht. Für die drei Teilabschnitte wurden zusammen 428,5 Millionen Euro Investitionskosten veranschlagt. Für Wasserstoff im Kernnetz steht jetzt die Infrastruktur bereit. Dennoch gibt es keinen einzigen Vertrag mit einem potentiellen Abnehmer. Das Netzentgelt bleibt ein zusätzlicher Kostenfaktor, weil Unternehmen jede Umlage einpreisen. So wirkt das Projekt wie ein Betrieb ohne Kunden, und genau das macht die Lage so brisant (tagesschau: 29.12.25).


Abnehmer fehlen trotz gefüllter Pipeline

Die Trasse führt von Lubmin bis Bobbau, und sie gilt nach Angaben des Betreibers als längste Wasserstoffleitung Deutschlands. An der Verdichterstation Radeland rollten Tanklaster an und füllten die Pipeline über viele Monate. Gascade-Bereichsleiterin Carina Gewehr sagt: „Die Herausforderung war letztendlich, dass wir das zum allerersten Mal gemacht haben“, und sie ergänzt: „Das ist, glaube ich, für alle Netzbetreiber in Deutschland Pionierarbeit, die wir leisten.“

Die 400-km-Wasserstoff-Pipeline steht bereit, doch es gibt keine Abnehmer - ohne Verträge bleibt der Transport eine teure Theorie
Die 400-km-Wasserstoff-Pipeline steht bereit, doch es gibt keine Abnehmer – ohne Verträge bleibt der Transport eine teure Theorie

Gascade setzt auf Bestandsrohre, weil früher Erdgas durch die Strecke floss, aber nun soll Wasserstoff den Takt vorgeben. Gewehr betont: „Erdgasleitungen sind dafür sehr prädestiniert, auch den Transport von Wasserstoff zu übernehmen“, und sie verweist auf die Umstellung. Die Leitung zeigt damit, dass Technik funktioniert, doch ohne Abnehmer bleibt der Nutzen theoretisch.

428,5 Millionen Euro Planung – doch kein Vertrag

Für den Korridor liegen Planwerte für drei Teilabschnitte vor, und sie machen die Dimension greifbar. Lubmin–Uckermark steht mit 129,3 Millionen Euro in den Unterlagen, und Uckermark–Radeland folgt mit 195,2 Millionen Euro. Radeland–Bobbau ist mit weiteren 104,0 Millionen Euro angesetzt. Daraus ergeben sich 428,5 Millionen Euro Gesamtkosten für diesen Strang. Diese Summe wirkt umso härter, weil im Kernnetz kein einziger Abnehmer Kapazitäten gebucht hat.

Gascade spricht zwar von einem erwarteten Hochlauf, doch der Markt liefert bisher kein Signal, das diese Hoffnung stützt. Ein Sprecher sagt: „Als Netzbetreiber gehen wir von einem erfolgreichen Markthochlauf aus und haben an diesem keine Zweifel“, aber Zuversicht ersetzt keine Unterschrift. Ohne Abnehmer bleiben auch die besten Leitungen ein teures Versprechen, und die Branche sieht das sehr nüchtern.

Wasserstoffpreis und Netzentgelt treiben die Industrie weg

Unternehmensberater Matthias Deeg beschreibt das Problem am Preis, und er formuliert es klar. „Im Moment sind die Preise für Wasserstoff brutal hoch, so dass wir teilweise Faktor drei gegenüber dem jetzigen Erdgaspreis zu bezahlen hätten“, sagt er, und damit zerlegt er viele Businesscases. Große Verbraucher kalkulieren hart, weil sie im Wettbewerb stehen, und deshalb weichen sie aus.

Deeg zieht daraus einen drastischen Schluss: „Die Nachfrage nach Wasserstoff geht aktuell eigentlich gegen null“, und er ergänzt: „Das heißt, die Investitionen, die wir derzeit ins Kernnetz betreiben, sind im Moment noch ohne Verkäufer und Käufer.“ Selbst wenn H2 politisch gewollt ist, bleibt er für viele Standorte zu teuer, und die Pipeline wartet weiter auf Kunden.


Ohne Abnehmer wird das Kernnetz zur Wette

Auch die Regulierungsbehörde erhöht den Druck, weil sie Nutzungsentgelte festlegt, und Unternehmen diese Kosten sofort spüren. Die Bundesnetzagentur hat für das Wasserstoff-Kernnetz ein Hochlaufentgelt festgelegt. Dadurch steigen die Transportkosten für Unternehmen spürbar. Gascade erhält nach eigenen Angaben Fördermittel, und zudem springt der Bund ein, falls die Leitung bis 2055 nicht genug Erlöse bringt. Das senkt zwar das Risiko für den Betreiber, aber es schafft keine Abnehmer. Das wirkt wie eine Sicherheitsleine, aber es löst das Abnehmer-Problem nicht.

Brandenburgs Wirtschaftsminister Daniel Keller spricht zwar von einer Chance, doch er bremst Erwartungen. „Es hat sich aber auch gezeigt, dass der Aufbau der Wasserstoffwirtschaft kein Selbstläufer ist“, sagt er, und er fordert: „Wir müssen geeignete Rahmenbedingungen schaffen, Marktrisiken abbauen und pragmatische Lösungen finden.“ Ohne diese Bedingungen bleibt das Grundnetz ein Konstrukt auf dem Papier, und die Pipeline steht im Zweifel für sich allein.

Gascade-Bereichsleiterin Gewehr benennt den Kern: „Letztendlich muss Wasserstoff wettbewerbsfähig sein. Ich glaube, das ist der Knackpunkt, den es letztendlich für den Markthochlauf auch zu überwinden gilt. Daran muss gearbeitet werden.“ Genau deshalb verschieben Unternehmen Projekte, und damit fehlen der Leitung die Abnehmer weiter. Leag plant aktuell kein Wasserstoffkraftwerk in der Lausitz, und ArcelorMittal stellt die Umrüstung in Bremen und Eisenhüttenstadt vorerst zurück. Solange das so bleibt, bleibt auch die Gebühr fürs Netzentgelt nur ein Detail, weil ohne Kunden nichts durch die Leitung fließt.

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