In Deutschland treibt die Fermi Deutsche Industriekraft GmbH seit März 2026 gemeinsam mit dem finnischen Entwickler Steady Energy ein Vorhaben voran, das die Debatte über Kernkraft neu belebt. Anlass ist eine Besonderheit im Atomgesetz, den darin ist ausdrücklich nur die gewerbliche Stromerzeugung aus Kernspaltung verboten, die reine Wärmeproduktion wird jedoch nicht explizit genannt. Das Konsortium will deshalb kleine Reaktoren für Fernwärme und Industrieanlagen nach Deutschland bringen. Als größtes Risiko gelten nicht Technik oder Wirtschaftlichkeit allein, sondern vor allem Genehmigungen, politischer Widerstand und langwierige Verfahren. Zugleich locken die Initiatoren mit deutlich niedrigeren Wärmekosten und stellen einen ersten Einsatz noch in diesem Jahrzehnt in Aussicht (epochtimes: 25.03.36).
Atomgesetz eröffnet juristischen Spielraum
Der Plan stützt sich auf Paragraf 7 des Atomgesetzes. Dort heißt es: „[…] Für die Errichtung und den Betrieb von Anlagen zur Spaltung von Kernbrennstoffen zur gewerblichen Erzeugung von Elektrizität und von Anlagen zur Aufarbeitung bestrahlter Kernbrennstoffe werden keine Genehmigungen erteilt. […]“ Entscheidend ist deshalb der Zusatz zur Stromerzeugung. Reaktoren, die ausschließlich Wärme liefern, fallen nach dieser Lesart nicht automatisch unter das ausdrückliche Verbot.

Daraus folgt jedoch kein freier Weg für neue Kernanlagen. Auch ein Wärmereaktor müsste ein vollständiges atomrechtliches Verfahren durchlaufen. Außerdem blieben Fragen des Standorts, des Schutzes gegen Sabotage, der Betriebssicherheit und der gesellschaftlichen Akzeptanz offen. Gerade dieser Punkt macht das Projekt politisch brisant, während die Betreiber auf eine Marktlücke im Wärmesektor setzen.
Der Reaktor soll Fernwärme billiger machen
Die technische Grundlage liefert der LDR-50 von Steady Energy. Dabei handelt es sich um einen kleinen modularen Reaktor, der nur Wärme erzeugen soll und deshalb ohne Turbinen und Generatoren zur Stromerzeugung auskommt. Das System ist auf 50 Megawatt thermische Leistung ausgelegt, während die Reaktoren mit vergleichsweise niedrigen Temperaturen von rund 140 Grad Celsius arbeiten sollen. Nach Angaben der Projektpartner steigt dadurch der nutzbare Wirkungsgrad, außerdem sinkt die technische Komplexität.
Die Anlage soll unterirdisch gebaut werden, während jeder Reaktor in einem eigenen Wasserbecken steht. Dieses Becken dient zugleich als Abschirmung und Wärmespeicher. Hinzu kommt ein passives Kühlsystem, das ohne Pumpen oder externe Stromversorgung funktionieren soll. Die Betreiber sehen darin einen wesentlichen Sicherheitsvorteil, jedoch liegt bisher keine deutsche Genehmigung für dieses Konzept vor. In Helsinki entsteht seit Februar 2026 zwar ein Demonstrator, doch dort wird die Wärme vorerst elektrisch und nicht nuklear erzeugt.
Wirtschaftlich attraktiv, politisch heikel
Der wirtschaftliche Reiz des Modells liegt in den versprochenen Kosten. Fermi Deutsche Industriekraft geht davon aus, Wärme zunächst für rund 40 Euro je Megawattstunde erzeugen zu können. Nach 30 Jahren sollen die Kosten sogar auf etwa 15 Euro sinken. Das wäre deutlich weniger als viele heutige Fernwärmepreise in deutschen Großstädten, die oft zwischen 140 und 180 Euro liegen und teils noch höher ausfallen. Gerade für Stadtwerke und energieintensive Betriebe wirkt dieses Versprechen deshalb attraktiv.
Ob daraus jedoch ein reales Projekt wird, entscheidet sich nicht am Reißbrett. Unterstützung kommt aus Estland und Finnland, während der frühere EnBW-Technikvorstand Ulrich Gräber das Vorhaben in Deutschland begleitet. Er rechnet zugleich mit Widerstand von Kernkraftgegnern und verweist auf die Rolle der Länder bei Genehmigungen. Damit bleibt die Lage offen: Juristisch gibt es mit dem Atomgesetz einen Ansatzpunkt, wirtschaftlich ein starkes Verkaufsargument und technisch ein konkretes Konzept. Trotzdem steht zwischen dieser Idee und einem deutschen Wärmereaktor noch ein langer Weg. Auch das Atomgesetz allein wird daran nichts ändern.
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