In Berlin haben die wissenschaftlichen Berater von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche ihre Folgenabschätzung zur neuen Energiekrise vorgelegt. Auslöser ist der Iran-Krieg, der die Energiemärkte erneut unter Druck setzt und in Deutschland höhere Preise für Gas und Öl nach sich zieht. Die Ökonomen raten deshalb von raschen Preisbremsen wie Subventionen oder einem Tankrabatt ab. Stattdessen setzen sie auf einen breiteren Energiemix, mehr heimische Gasförderung und eine Prüfung von Fracking. Der entscheidende Risikofaktor bleibt die Dauer des Konflikts, weil ein längerer Krieg Inflation, Wachstum und die Befüllung der Gasspeicher zugleich belasten könnte (tagesschau: 13.03.26).
Keine Preisgeschenke, sondern härtere Marktlogik
Die vier Berater sehen kurzfristige Entlastungen kritisch, weil sie nach ihrer Einschätzung das Knappheitssignal abschwächen würden. In ihrem Kurzgutachten warnen sie deshalb vor „kurzfristigem Aktionismus“. Wörtlich heißt es: „In Zeiten von vorhandener oder erwarteter Knappheit sind Preissignale immanent wichtig, um das Verhalten der Nachfrager zu beeinflussen und den Konsum zu drosseln.“ Die Linie ist klar, jedoch politisch heikel, weil viele Haushalte und Unternehmen bereits unter steigenden Energiekosten leiden.

Aus Sicht des Gremiums muss die Politik nun vor allem die Energieversorgung breiter aufstellen. Dazu zählt nicht nur der Import aus verschiedenen Quellen, sondern auch eine stärkere Nutzung heimischer Ressourcen. Deshalb bringen die Berater eine Ausweitung der inländischen Gasförderung ins Spiel und fordern eine Prüfung von Fracking. Die Methode bleibt umstritten, weil mögliche Umweltfolgen seit Jahren für Widerstand sorgen. Zugleich verweisen die Ökonomen darauf, dass andere Staaten diese Technik längst einsetzen.
Fracking-Frage trifft die deutsche Energiepolitik
Die Berater um Veronika Grimm halten den deutschen Sonderweg bei der Förderung für widersprüchlich. In ihrem Gutachten schreiben sie, „dass ein vollständiger Verzicht auf inländische Förderung bei gleichzeitigem Import entsprechender Energieträger aus ethischer Perspektive Fragen der globalen Verteilung von ökonomischen Vorteilen und ökologischen Risiken aufwirft.“ Der Kern der Aussage ist eindeutig. Deutschland lehnt Fracking im eigenen Land weitgehend ab, importiert jedoch Gas aus Staaten, die genau diese Methode nutzen. Reiche selbst ging auf den Vorstoß nicht näher ein, sagte aber, sie sei für die Beratung dankbar und übernehme die Positionen des Gremiums nicht in jedem Punkt.
Neben der Förderung rücken die Ökonomen auch die Gasspeicher in den Mittelpunkt. Sie sehen derzeit zwar keinen akuten Anlass für Versorgungsangst, dennoch halten sie die bisherige Speicherstrategie für überprüfungsbedürftig. Sollte Deutschland zusätzlich eine nationale Gasreserve nach dem Vorbild der Ölreserve schaffen wollen, müssten die Speicherkapazitäten erst wachsen. Zugleich warnen sie davor, staatliche Vorgaben so auszugestalten, dass am Ende noch höhere Preise entstehen. Genau dort liegt ein Zielkonflikt, weil mehr Sicherheit meist auch mehr Kosten bedeutet.
Langer Krieg könnte Winterversorgung und Wachstum treffen
Noch skeptischer blickt Torsten Schmidt vom RWI-Leibniz-Institut auf die Lage. Er warnt, dass die aktuell niedrigen Speicherstände im kommenden Winter zum Problem werden könnten. Seine Sorge ist konkret: „Ich sehe das Risiko, dass wir die Gasspeicher bis zum Winter nicht voll bekommen, vor allem dann, wenn der Iran-Krieg länger dauert als gedacht“. Hohe Preise erschweren das Einspeichern zusätzlich, weil Händler unter diesen Bedingungen oft keinen wirtschaftlichen Anreiz sehen. Damit wächst der Druck auf die Versorgungssicherheit, während zugleich die Kosten hoch bleiben.
Für Konjunktur und Geldpolitik zählt deshalb vor allem die Zeitachse des Kriegs. Je länger der Konflikt anhält, desto größer werden die Risiken für Inflation und Wachstum in Deutschland. Auch die Europäische Zentralbank gerät dadurch in den Fokus, weil an den Märkten bereits mit zwei Zinsschritten von zusammen 0,5 Prozent in diesem Jahr gerechnet wird. Höhere Zinsen könnten die Wirtschaft zusätzlich bremsen, während die Energiepreise ohnehin belasten. Clemens Fuest vom Ifo-Institut erwartet zwar keinen schweren Einbruch, spricht jedoch von einem klaren Dämpfer. Seine Einschätzung gibt etwas Luft, ändert aber nichts am Kernproblem: Ein langer Krieg im Nahen Osten könnte Deutschland teuer zu stehen kommen.
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