Digitalfunk der Bundeswehr – interner Bericht warnt vor Lebensgefahr

Im niedersächsischen Munster ist ein weiterer Einsatztest des neuen Digitalfunk-Systems der Bundeswehr im November nach schweren Fehlern abgebrochen worden. Der interne Bericht von Anfang Januar stuft das System D-LBO basic als so mangelhaft ein, dass im Übungs- und Ausbildungsbetrieb mit umgerüsteten Kampfpanzern laut Testurteil „Gefahr für Leib und Leben“ bestand. Betroffen waren vor allem Fahrzeuge wie der Leopard 2 A7V, während zugleich Sprechfunk, Lagebild und zentrale Führungsfunktionen versagten. Damit verschärft sich die Krise eines Projekts im Wert von mehr als elf Milliarden Euro, dessen Einsatzreife bis September 2026 laut Bericht nicht absehbar ist. Zudem hielt das Verteidigungsministerium den brisanten Befund dem Parlament seit Januar vor, obwohl die Folgen für Sicherheit, Ausbildung und Einsatzfähigkeit der Truppe erheblich sind (welt: 20.03.26).


Digitalfunk versagt bereits bei Grundfunktionen

Der Bericht beschreibt keine Randprobleme, sondern Ausfälle im Kernbetrieb. Besonders brisant ist der Sprechfunk zwischen Kampfpanzern, der nach dem Einbau der neuen Technik nicht verlässlich funktionierte. Soldaten konnten teils nicht erkennen, ob ein Funkspruch überhaupt gesendet wurde.

Der Digitalfunk der Bundeswehr scheitert erneut im Test - interner Bericht warnt vor Lebensgefahr und schweren Ausfällen bei Panzern
Der Digitalfunk der Bundeswehr scheitert erneut im Test – interner Bericht warnt vor Lebensgefahr und schweren Ausfällen bei Panzern

Gerade im Gefecht ist das ein massives Risiko. Ein sofortiger Feuerstopp, im Bericht als „Stopfen“ benannt, könnte so nicht sicher übermittelt werden. Deshalb heißt es in der Bewertung unmissverständlich: „In seinem derzeitigen Zustand ist das Gesamtsystem D-LBO basic weder reif für eine Einsatzprüfung noch für den Ausbildungs- und Übungsbetrieb geeignet. Ob die Einsatzreife bis September 2026 erreicht werden kann, ist derzeit nicht absehbar.“

Bericht widerspricht den öffentlichen Aussagen

Der Befund aus Munster ist auch politisch heikel. Vertreter des Ministeriums hatten während der Tests noch Zuversicht verbreitet, jedoch schildert der Bericht eine gegenteilige Lage. Besonders der zuständige General Michael Vetter hatte öffentlich erklärt, das Funkgerät habe in einer Wehrtechnischen Dienststelle „mit Bravour bestanden“.

Auch zur praktischen Nutzung klangen die Aussagen deutlich positiver als das spätere Prüfergebnis. Vetter sagte über die Schießbahn, die Soldaten seien begeistert „von der Reichweite und der Power des Funkgerätes“. Zum Sprechfunk erklärte er zudem: „Sprache läuft recht gut, da hatten wir eigentlich sehr gute Ergebnisse jetzt im Test.“


Reichweite und Parallelbetrieb bleiben kritisch

Der Bericht kommt zu einem harten Urteil. Selbst der reine Sprechfunk sei „insgesamt als mangelhaft zu bewerten“, außerdem seien Funksprüche teils zu leise gewesen. Wörtlich ist sogar von „Aquariumsgeräuschen“ die Rede, also von Gurgeln und Rauschen während der Übertragung.

Neben der Sprachqualität versagte auch die technische Leistung in zentralen Punkten. Daten- und Sprechfunk parallel liefen kaum stabil, während die Funkreichweiten „auf allen Sendeleistungen weit hinter den Anforderungen zurück“ blieben. Nicht einmal annähernd zehn Kilometer Reichweite hat das System erreicht, weshalb der Digitalfunk auch im Gefechtsverband versagte.

Weitere Mängel belasten das Gesamtprojekt

Auch andere Komponenten des Großprojekts bereiteten Probleme. Die Datenfunkanbindung des Schützenpanzers Puma zeigte Mängel, zugleich machte die Konfiguration der zentralen Middleware „Tactical Core“ Schwierigkeiten. In aktuellen Bundeswehr-Akten ist zudem vermerkt, dass im umgerüsteten Leopard-Panzer nur eine Festfrequenz gehalten werden könne, während Sicherheitskreis und taktischer Kreis nicht zugleich nutzbar seien.

Damit wächst der Druck auf das Projekt D-LBO weiter. Ziel ist die durchgehende Vernetzung von Soldaten, Fahrzeugen und Gefechtsständen, außerdem müssen Zehntausende Fahrzeuge digitalisiert werden. Gerade deshalb wiegt das erneute Scheitern schwer, denn schon ein erster Test im Mai 2025 war misslungen. Trotzdem sprach Verteidigungsminister Boris Pistorius im September noch von einem Projekt „im Plan“, obwohl sich diese Darstellung nicht halten ließ. Auf neue Nachfragen reagierte das Ministerium erneut ausweichend und verwies lediglich auf eine spätere Unterrichtung des Parlaments im „vertraulichen“ Rahmen. Deshalb bleibt offen, wann der Digitalfunk der Bundeswehr überhaupt einsatzfähig ist.

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