Deutschlands Finanzordnung kippt – wie der Bund den Föderalismus seit Jahren zurückdrängt

Zwischen 1913 und 2024 hat sich die Finanzmacht in Deutschland deutlich zum Bund verschoben und laut einer Analyse des Instituts für konservative Wirtschaftspolitik verändert genau das den Föderalismus bis heute grundlegend. Der Umbau erfasste Reich beziehungsweise Bund, Länder und Kommunen zugleich, während der Staat immer mehr Aufgaben, Ausgaben und Steuerungsfunktionen übernahm. Dadurch verloren die Länder an eigenem Gewicht, während der Bund mehr Mittel bündelte, Prioritäten setzte und den finanziellen Rahmen des Staates immer stärker bestimmte.


Der Bund gewinnt, die Länder verlieren

1913 lag der Anteil des Reichs an den öffentlichen Ausgaben bei rund 35 Prozent. 2024 erreichte der Bund ohne Sozialversicherung bereits 39,2 Prozent. Der Anstieg wirkt begrenzt, verschiebt die Machtbalance aber dennoch deutlich, weil finanzielle Kontrolle meist auch politischen Einfluss nach sich zieht.

Deutschlands Föderalismus verliert seit 1913 Finanzmacht. Der Bund steuert heute mehr Geld, Schulden und politische Prioritäten
Deutschlands Föderalismus verliert seit 1913 Finanzmacht. Der Bund steuert heute mehr Geld, Schulden und politische Prioritäten

Noch klarer zeigt sich der Wandel am Beispiel Bayerns. Das Königreich Bayern stand 1913 für 7,4 Prozent der gesamtstaatlichen Ausgaben, während der Freistaat 2024 nur noch auf 3,4 Prozent kam. Selbst ein großes Land verlor also erheblich an fiskalischem Gewicht, während der Bund seinen Anteil ausbaute.

Föderalismus verliert mit wachsender Staatsquote an Substanz

Der gesamte Staat greift heute viel tiefer in Wirtschaft und Gesellschaft ein als vor dem Ersten Weltkrieg. 1913 lagen die öffentlichen Ausgaben von Reich, Ländern und Kommunen bei rund 18 Prozent des Bruttosozialprodukts. 2024 stiegen sie auf 48,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts und mit Sozialversicherung lag die Quote sogar bei 56,8 Prozent. Der Staat wuchs also massiv, jedoch gewann vor allem die Bundesebene an Macht.

Auch die reinen Bundesausgaben belegen diese Verschiebung. 1913 lagen die Reichsausgaben bei 6,3 Prozent des Bruttosozialprodukts. 2024 entsprachen die Bundesausgaben je nach Berechnung 12,6 bis 14,3 Prozent des BIP. Der Bund dehnte seinen finanziellen Spielraum deshalb stark aus, während die Länder nicht im selben Maß aufholen konnten.

Soziale Ausgaben und Schulden stärken die Zentrale

Die Struktur der Ausgaben hat sich ebenfalls tiefgreifend verändert. Vor dem Ersten Weltkrieg floss ein großer Teil der Mittel in Verteidigung und Infrastruktur. Heute dominieren dagegen soziale Dienste, denn 2024 gingen 41 Prozent der Bundesausgaben in diesen Bereich, während die Verteidigung nur noch 14 Prozent ausmachte. Das stärkt den Bund zusätzlich, weil gerade dort die großen Verteilungsentscheidungen fallen.

Auch die Verschuldung unterstreicht den Machtwechsel. 1913 lagen die Schulden von Reich und Ländern zusammen bei 41 Prozent des Bruttosozialprodukts. 2024 belief sich die öffentliche Verschuldung Deutschlands auf 2.509 Milliarden Euro oder 58 Prozent des BIP, wobei 69,1 Prozent davon auf den Bund entfielen. Wer den größten Teil der Schulden trägt, verfügt jedoch meist auch über den größten finanzpolitischen Hebel.


Deutschlands Föderalismus bleibt formal bestehen

Bayern zeigt auch bei den Schulden einen markanten Gegensatz. 1913 lag die Verschuldung des Königreichs bei 56 Prozent des eigenen Bruttosozialprodukts. 2024 kam der Freistaat nur noch auf 4,6 Prozent des regionalen BIP. Das spricht einerseits für solide Landesfinanzen, belegt andererseits aber den Verlust eigener fiskalischer Bedeutung.

Hinzu kommt die wachsende Rolle von Sondervermögen. 2024 liefen bereits 14,8 Prozent der Bundesausgaben über solche Konstruktionen, während der klassische Haushalt damit an Transparenz verlor. Der Bund gewinnt dadurch zusätzliche Flexibilität und der Föderalismus verliert weiter an praktischer Eigenständigkeit. Deutschland bleibt formal ein Bundesstaat, funktioniert finanziell aber immer stärker von oben nach unten.

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