Traßdorf – Deutschland will Verwaltung, Behörden und kritische Infrastruktur digitalisieren, doch im Notfall übernimmt offenbar noch das Faxgerät. Das zeigte am 8. August 2026 eine Großübung im 1.320 Meter langen Sandbergtunnel im Ilm-Kreis. Rund 100 Komparsen saßen in einem simuliert brennenden ICE, während mehr als 250 Einsatzkräfte die Rettung proben sollten. Etwa 30 Insassen galten als besonders schwer betroffen. Der Lokführer setzte den Übungsnotruf ab, doch die vorgesehene Rettungskette geriet massiv ins Stocken. Erste Kräfte des Rettungsdienstes erreichten das Nordportal nach Beobachterangaben erst nach zwei Stunden und sieben Minuten, denn zwischen Thüringer Leitstellen lief ein Teil der Alarmierung tatsächlich noch per Fax. Außerdem kamen technische Störungen, reale Paralleleinsätze und Probleme bei der Warnung über NINA und KATWARN hinzu. Zum Glück war der Rauch nur Teil eines Übungs-Drehbuchs.
Im Notfall endet die Digitalisierung am Faxgerät
Der Bund wirbt mit einem „schnellen, digitalen und handlungsfähigen Staat“. Behörden sollen Daten elektronisch austauschen, Verwaltungswege automatisieren und künstliche Intelligenz einsetzen. Thüringens Katastrophenschutz demonstrierte derweil eine deutlich bodenständigere Variante der digitalen Transformation. Zwischen Leitstellen wurden Alarmmeldungen noch per Fax übertragen. Ausgerechnet dort, wo Minuten unmittelbar über Rettungschancen entscheiden, gehört damit eine Technik aus dem vergangenen Jahrhundert weiter zur Kommunikationskette.

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Ilm-Kreis-Landrätin Petra Enders bestätigte diesen Vorgang inzwischen selbst. Sie sprach von Alarmierungswegen zwischen Thüringer Leitstellen „via Fax“ und erklärte: „Ein Fax halte ich für nicht mehr zeitgemäß.“ Die Deutsche Bahn weist jedoch darauf hin, selbst keine Faxgeräte mehr einzusetzen. Damit liegt die technische Antiquität nach bisherigem Kenntnisstand bei den öffentlichen Leitstellen. Enders kritisiert allerdings zusätzlich den internen Meldeweg der Bahn. Das Problem beschränkt sich deshalb nicht auf ein einzelnes Gerät, sondern betrifft die Geschwindigkeit der gesamten Informationskette.
Zwei Stunden und sieben Minuten für eine Rettungskette
Die Größenordnung der Verzögerung macht den Vorgang besonders brisant. Vorgesehene Einheiten sollten nach Medienangaben innerhalb von etwa zehn bis 25 Minuten am Tunnel eintreffen. Erste Kräfte des Rettungsdienstes benötigten nach Beobachterangaben jedoch zwei Stunden und sieben Minuten. Damit dauerte das Eintreffen ein Vielfaches länger als vorgesehen. Ein Feuerwehrexperte fasste die Lage drastisch zusammen: „Wäre das hier echt, wären längst alle tot.“ Eine konkrete Opferzahl lässt sich daraus zwar nicht ableiten, die Dimension der Verzögerung aber sehr wohl.
Das Fax war zudem nur ein Teil der Pannenkette. Das Thüringer Innenministerium bestätigt Schwierigkeiten bei Notrufübermittlung und Feuerwehralarmierung. Gleichzeitig band der Rettungsdienst zwei reale schwere Verkehrsunfälle im Ilm-Kreis. Außerdem erschwerte ein technischer Defekt die Kommunikation, während einzelne Einheiten wegen einer geänderten Planung längere Anfahrtswege hatten. Solche Belastungen erklären Verzögerungen, entschärfen den Befund jedoch kaum. Ein Katastrophenschutz, der nur unter idealen Bedingungen funktioniert, wäre im Ernstfall wenig wert.
Auch Türen und Warnsysteme machen Probleme
Selbst am Zug lief die Übung nicht störungsfrei. Laut Enders ließen sich Türen von außen nicht wie vorgesehen mit dem vorhandenen Vierkantschlüssel öffnen. Bei einem echten Brand hätten Einsatzkräfte deshalb Fenster eingeschlagen oder andere technische Mittel eingesetzt. Zusätzlich funktionierte die Information über NINA und KATWARN offenbar nicht vollständig. Ein kompletter Ausfall beider Apps ist zwar nicht belegt. Dennoch trafen bei der Übung mehrere technische und organisatorische Schwächen gleichzeitig zusammen.
Gerade darin liegt die eigentliche Bedeutung des Notfalls von Traßdorf. Katastrophenschutz besteht nicht aus einem einzelnen Feuerwehrfahrzeug oder einer einzelnen Leitstelle. Er funktioniert nur, wenn Notruf, Alarmierung, Kommunikation, Anfahrt, Zugang und Warnsysteme wie Zahnräder ineinandergreifen. Im Sandbergtunnel klemmten gleich mehrere davon. Die Übung sollte eigentlich Vertrauen in diese Kette schaffen. Stattdessen lieferte sie ein ziemlich präzises Protokoll ihrer Schwachstellen.
Deutschlands digitaler Anspruch trifft auf analoge Wirklichkeit
Thüringens Innenminister Georg Maier beobachtete die Übung vor Ort und kündigte Konsequenzen an. Die Melde- und Alarmierungswege sollen künftig technisch, organisatorisch und praktisch regelmäßig getestet werden. Außerdem soll die Leitstellenstruktur in Thüringen reformiert werden. Diese Reaktion ist nachvollziehbar, wirkt jedoch beinahe unfreiwillig komisch. Denn dass zeitkritische Alarmwege 2026 noch vom Fax abhängen, sollte eigentlich keine Großübung erst ans Licht bringen müssen.
Deutschland diskutiert über digitale Identitäten, KI in Behörden, Cloud-Infrastrukturen und vollständig elektronische Verwaltungsprozesse. Gleichzeitig reist im Notfall eine entscheidende Meldung zwischen Leitstellen über eine Technik, bei der Papierstau, fehlendes Papier oder eine leere Tonerkassette noch zum Systemrisiko werden kann. Genau darin liegt der bemerkenswerte Abstand zwischen politischem Anspruch und operativer Realität. Digitalisierung lässt sich in Strategiepapiere schreiben. Im Katastrophenschutz zählt jedoch nicht die Roadmap, sondern die Minute, in der tatsächlich jemand losfährt.
Verfasser: Blackout News
Verwendete Quellen: Welt (10.08.26) – Ntv (10.08.26) – RTL (10.08.26)
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