Deutschland liefert LNG über Rügen in die Ukraine obwohl die Gasspeicher fast leer sind

Über das LNG-Terminal Mukran auf Rügen fließt erstmals US-Flüssigerdgas in die Ukraine, obwohl Deutschlands Gasspeicher Ende Februar nur noch auf niedrigem Niveau liegen und die Diskussion über Versorgungssicherheit zunimmt. Das Gas stammt aus den USA und wird über TotalEnergies angeliefert, danach über Lubmin und weiter über Polen in die Ukraine transportiert. Hintergrund sind massive Kriegsschäden an der ukrainischen Energieinfrastruktur sowie extreme Kälte, weshalb Naftogaz zusätzliche Importwege aufgebaut hat. Zugleich wächst in Deutschland die Kritik, weil Gas durch das Land weitergeleitet wird, während hierzulande bereits über strategische Reserven und mögliche Engpässe gesprochen wird. Der zentrale Konflikt entsteht deshalb zwischen europäischer Solidarität und nationaler Versorgungssicherheit (ndr: 23.02.26).


Wer bezahlt das teure LNG – und wer trägt das Risiko?

Offiziell kauft der ukrainische Energiekonzern Naftogaz das LNG ein, jedoch erfolgt die Finanzierung nicht allein über Marktmittel. Internationale Geldgeber unterstützen die Gasimporte mit Krediten und Zuschüssen, außerdem fließen Mittel von europäischen Institutionen und Entwicklungsbanken in die Beschaffung. Damit bleibt der Einkauf zwar formal ukrainisch, gleichzeitig verteilt sich das finanzielle Risiko indirekt auf europäische Staaten und öffentliche Finanzierungsinstrumente.

LNG aus dem Terminal Mukran/Rügen fließt in die Ukraine trotz niedriger Füllstände der deutschen Gasspeicher
LNG aus dem Terminal Mukran/Rügen fließt in die Ukraine trotz niedriger Füllstände der deutschen Gasspeicher

Kritiker sehen darin ein strukturelles Problem, weil LNG aus den USA deutlich teurer ist als klassische Pipelineimporte. Während der Krieg die Beschaffung für die Versorgungssicherheit alternativlos erscheinen lässt, entstehen langfristige Kostenbindungen für Kredite und Hilfsprogramme. Die politische Botschaft lautet Versorgungssicherung, jedoch stellt sich die Frage, wie lange solche Modelle finanzierbar bleiben, wenn Energiepreise erneut steigen. Zugleich fehlt Transparenz über konkrete Vertragsdetails, weshalb die öffentliche Debatte oft auf Annahmen basiert.

Niedrige Füllstände der Gasspeicher verstärken die innenpolitische Sprengkraft

Deutschlands Gasspeicher liegen aktuell deutlich unter früheren Vergleichswerten für diese Jahreszeit, deshalb diskutieren Politik und Wirtschaft über zusätzliche Sicherheitsmechanismen. Zwar betonen Behörden, dass die Versorgung derzeit stabil bleibt, gleichzeitig wächst die Sorge vor einer schwierigen Wiederbefüllung im kommenden Sommer. Genau in dieser Phase wirkt jede sichtbare Weiterleitung von Gas ins Ausland politisch besonders sensibel.

Die entscheidende Frage lautet nicht, ob Deutschland eigenes Gas abgibt, sondern ob Transportkapazitäten und eingespeiste Mengen im Krisenfall noch flexibel genug bleiben. Viele Verbraucher nehmen jedoch nur wahr, dass Gas das Land verlässt, während hier über Sparmaßnahmen gesprochen wird. Dadurch verschärft sich die Debatte über Prioritäten, außerdem steigt der Druck auf die Bundesregierung, klare Grenzen und Notfallregeln verständlich zu kommunizieren.

Was passiert bei einem deutschen Gasnotstand?

Deutschland verfügt über einen dreistufigen Notfallplan für Gas, während die Bundesnetzagentur in der höchsten Stufe als zentrale Steuerungsstelle eingreifen würde. In einem echten Notfall erhalten Haushalte und kritische Einrichtungen Vorrang, deshalb träfe es zuerst große industrielle Verbraucher. Ein automatischer Exportstopp zur Sicherung der Versorgungssicherheit ist jedoch nicht vorgesehen, weil europäische Solidaritätsregeln grenzüberschreitende Versorgung grundsätzlich absichern sollen.

Genau hier liegt der kritischste Punkt der aktuellen Entwicklung. Sollte sich die Lage verschärfen, müsste die Bundesnetzagentur Netzflüsse neu ordnen, während politische Entscheidungen über Exporte unter enormem Druck stehen würden. Die Ukraine-Lieferungen könnten dann indirekt betroffen sein, weil sich Prioritäten im Netz verschieben. Gleichzeitig würde jede Einschränkung außenpolitische Folgen auslösen, weshalb die Bundesregierung in einem Spannungsfeld zwischen Versorgung und Solidarität steht.


Route über Lubmin macht Deutschland zur Transitdrehscheibe

Das Gas wird in Mukran angelandet und über den Einspeisepunkt Lubmin in Leitungen eingespeist, die ursprünglich für Nord-Stream-Transporte gebaut wurden. Von dort fließt es nach Polen und anschließend in die Ukraine. Damit wird Deutschland nicht nur Importland, sondern auch Transitkorridor für Energie in Richtung Osteuropa.

Der Betreiber Deutsche Regas spricht von einem direkten Beitrag zur Energiesicherheit der Ukraine, während Befürworter die strategische Bedeutung des Standorts hervorheben. Kritiker argumentieren dagegen, dass Deutschland in einer angespannten Versorgungslage zusätzliche Verantwortung übernimmt. Diese neue Rolle erhöht den politischen Druck, weil jede technische Störung oder jede Preisbewegung sofort eine nationale Debatte auslösen kann.

Eisstopp in Mukran zeigt Verwundbarkeit der Lieferkette

Zwei Wochen lang konnte in Mukran wegen Eis kein Gas eingespeist werden, deshalb musste ein Mehrzweckschiff dem LNG-Tanker den Weg freibrechen. Erst danach lief der Betrieb wieder an, während weitere Tanker aus den USA eintrafen. Seit Ende vergangener Woche speist das Terminal rund 167 GWh pro Tag ins Netz ein, außerdem plant Naftogaz eine Ausweitung der Lieferungen.

Der Zwischenfall zeigt jedoch, wie störanfällig die gesamte Kette bleibt. Wetter, Infrastruktur und geopolitische Risiken treffen hier direkt aufeinander, während gleichzeitig hohe Erwartungen an stabile Lieferungen bestehen. Genau diese Mischung macht das Projekt politisch explosiv: Deutschland wird zum Energieknoten für ein Kriegsland, obwohl die eigene Speicherlage bereits als angespannt gilt.

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