Deutscher Wasserstoff-Hochlauf gescheitert – Anwender fehlen und Projekte kippen

Auf der E-world in Essen, Europas Leitmesse der Energie- und Wasserwirtschaft, zeigte sich im Februar ein ernüchterndes Bild: Der deutsche Wasserstoff-Hochlauf kommt praktisch nicht voran, weil es weder eine tragfähige Nachfrage noch ausreichend wirtschaftliche Erzeugung gibt. Auslöser der Debatte war das Eingangsstatement von Thyssengas-CEO Stefanie Kesting, die den Hochlauf „wie eine heiße Kartoffel“ fallengelassen sieht, während zugleich die Hauptfolgen greifbar werden: Investoren stoppen Vorhaben, Betreiber finden keine Abnehmer und der Staat diskutiert neue Stützmechanismen, obwohl die Kosten für Wasserstoff weiterhin hoch bleiben und die Industrie auf belastbare Lieferketten wartet. Zentraler Risikofaktor bleibt das Henne-Ei-Problem, das sich verfestigt hat: Ohne Käufer keine Produktion, ohne Produktion kein Markt.


Ziel 2030 bleibt Illusion – reale Leistung beim Wasserstoff-Hochlauf ist marginal

Die Bundesregierung plant laut Nationaler Wasserstoffstrategie bis 2030 eine Elektrolyseleistung von zehn Gigawatt für grünen Wasserstoff, jedoch liegt die installierte Leistung laut Energiewirtschaftlichem Institut an der Universität zu Köln (EWI) bei gerade einmal 181 Megawatt bzw. 0,18 Gigawatt. Die Lücke ist nicht kosmetisch, sondern strukturell. Sie zeigt, dass aus politischen Zielzahlen kein Markt entsteht, solange Preise und Regulierung Investitionen abwürgen.

"Wasserstoff-Hochlauf wie eine heiße Kartoffel fallengelassen worden“ – zu teuer, kaum Nachfrage, kaum Erzeugung, Betreiber kippen Projekte
„Wasserstoff-Hochlauf wie eine heiße Kartoffel fallengelassen worden“ – zu teuer, kaum Nachfrage, kaum Erzeugung, Betreiber kippen Projekte

Kesting benennt dabei nicht nur Tempo, sondern Systemfehler. Sie kritisiert fehlendes Vertrauen in Wasserstoffmärkte und eine Bürokratie, die Projekte nicht begleitet, sondern blockiert. Ihre Diagnose zielt auf die EU-Regulierung: „Die aktuelle EU-Regulierung mit restriktiven Anforderungen für grünen Wasserstoff verhindert dringend notwendige Investitionen entlang der Wertschöpfungskette.“ Sie fordert Planungssicherheit für Betreiber, weil sonst niemand in Jahrzehnte laufende Anlagen investiert und sie warnt: „Wir dürfen die gleiche Debatte wie vor fünf Jahren nicht noch einmal führen.“

Infrastruktur wird gebaut, jedoch fehlt der Zweckbetrieb

Auf dem Papier existiert ein Setting, das wie ein Fortschritt wirkt: Kernnetz, Anschlusskonzepte, Industriepartnerschaften. Thyssengas gilt als strategisch wichtiger Partner von Thyssenkrupp Steel und ist zusammen mit dem Fernleitungsnetzbetreiber OGE für den Anschluss an das Wasserstoff-Kernnetz verantwortlich. Thyssenkrupp Steel will bei der Dekarbonisierung vorangehen und bis zu 3,5 Millionen Tonnen CO₂ pro Jahr einsparen, außerdem fördern Bund und Land den grünen Stahl mit rund zwei Milliarden Euro.

Genau hier kippt die Logik, weil eine Pipeline kein Geschäftsmodell ersetzt. Netze lassen sich planen, jedoch müssen sie genutzt werden. Wenn Abnehmer ausbleiben, drohen Fehlallokationen: Infrastruktur steht bereit, während die Moleküle fehlen oder unbezahlbar bleiben. Das macht den Hochlauf nicht zu langsam, sondern zu riskant.

Nachfrage bricht weg – Betreiber ziehen nach

Der Markt hängt am Preis, während der Preis am Markt hängt. Wasserstoff ist zu teuer, es fehlen Abnehmer, und damit fehlen Produzenten. Dieses Henne-Ei-Problem ist nicht mehr Theorie, sondern Realität mit realen Projektabbrüchen. ArcelorMittal stieg Mitte letzten Jahres aus der wasserstoffbasierten Produktion in Deutschland aus und verzichtete auf 1,3 Milliarden Euro staatliche Förderung. Das Signal ist brutal: Selbst hochsubventionierte Industriepfade wirken nicht robust genug, um bei einem geplanten Wasserstoff-Hochlauf durchzuhalten.

Vanessa Tietze von Tree Energy Solutions (TES) beschreibt die Konsequenz auf der Erzeugerseite. TES produziert Wasserstoff und wandelt ihn zusammen mit biogenem CO₂ in synthetisches Methan um, weil Derivate Transport und Speicherung erleichtern. Auch Ammoniak und Methanol spielen als Folgeprodukte eine Rolle. Doch selbst hier entscheidet die Nachfrage und Tietze sagt: „Niemand weiß mehr, ob grüne Gase überhaupt gewollt sind. So will niemand mehr ins Risiko gehen.“ Deshalb fordert sie verbindliche Abnahmequoten für Wasserstoff, Biomethan und synthetisches Methan, weil ohne Zwangsanker kaum ein Investor unterschreibt.


Biomethan zeigt die harte Alternative, Wasserstoff bleibt teuer

Zusätzlich entsteht Druck durch Biomethan, das aus Reststoffen, Gülle oder Energiepflanzen gewonnen wird. Es eignet sich kurzfristig für Wärme, weil es direkt ins Erdgasnetz geht, während Wasserstoff ein eigenes Kernnetz braucht. Das verschiebt Prioritäten, jedoch entlarvt es auch die Wasserstoff-Schwäche: Wer schnelle Wirkung will, nimmt das, was sich sofort einspeisen lässt.

Jörg Selbach-Röntgen, CEO von biogeen, spricht deshalb nicht über Knappheit, sondern über Kaufverweigerung. Er sagt: „Weil er erstmal teurer ist, das darf man aussprechen. Er wird auch noch lange teurer sein.“ Gleichzeitig drängt er auf Marktdruck: „Es muss zarten Druck geben, für Anbieter und für Abnehmer, sonst passiert hier gar nichts.“ Das ist eine Absage an die Idee, der Markt werde sich schon selbst tragen, wenn man nur genug Förderbescheide druckt.

Staatliche Preisgarantien kaschieren das Kernproblem

Andreas Rimkus, ehemaliger Wasserstoffbeauftragter der Ampel-Regierung, schlägt Contracts for Difference (CfD) vor. Der Staat garantiert Produzenten einen Referenzpreis, etwa sechs Euro pro Kilogramm über 25 bis 30 Jahre, und gleicht Differenzen zum Marktpreis aus. Rimkus schätzt die Kosten für das 10-Gigawatt-Ziel auf 22 Milliarden Euro in 15 Jahren, also rund 1,5 Milliarden pro Jahr, und nennt das haushaltlich machbar.

Das Modell stabilisiert Kalkulationen, jedoch bleibt der Befund: Ohne dauerhafte Subvention entsteht kein „solider Business Case“. Christian Seyfert vom Verband der Industriellen Energie- und Kraftwirtschaft (VIK) sagt: „Der aktuelle Markt erfüllt das nicht“ und sein Verband sieht in der Industrie „einen soliden Business Case und damit eine nachhaltige Nachfrage noch kaum“. Der VIK schlägt „Wasserstoff-Midstreamer“ vor, die mit staatlicher Rückendeckung zwischen Produzenten und Abnehmern vermitteln, weil sonst niemand langfristige Verträge akzeptiert.

Was in Essen fehlte, war eine glaubwürdige Antwort auf die Praxis: Wenn Erzeuger keine Abnehmer finden und Abnehmer keine Wirtschaftlichkeit sehen, bleibt der Wasserstoffhochlauf eine politisches Wunschdenken. Kesting bringt die Unsicherheit auf den Punkt: „Wir würden gerne mehr machen, wenn wir wüssten, wohin die Reise geht. Die Netze können wir bauen, den Wasserstoff-Hochlauf schaffen wir aber nur zusammen.“ (KOB)

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