Daimler Truck baut neues Lkw-Werk in Tschechien und verlagert Produktion

Daimler Truck baut nahe Cheb bei Karlovy Vary ein neues Lkw-Werk in Tschechien und verlagert dafür einen Teil der Produktion aus Wörth am Rhein. Das Projekt wurde Ende März 2026 bekannt. Die Fabrik soll auf 65 Hektar im Strategic Business Park Cheb entstehen und bis zu 25.000 Fahrzeuge pro Jahr bauen. Geplant sind Investitionen von bis zu 8 Milliarden Kronen, rund 330 Millionen Euro, sowie etwa 1.100 neue Arbeitsplätze. Der Baustart ist für 2027 vorgesehen, während die Produktion spätestens 2030 anlaufen soll. Ausschlaggebend waren vor allem Platzprobleme und steigende Komplexität im Stammwerk Wörth. Für die Region ist das Vorhaben deshalb wirtschaftlich bedeutend, obwohl der Arbeitsmarkt dort bereits vergleichsweise angespannt ist (gtai: 01.04.26).


Großprojekt ohne klassische Investitionshilfen

Tschechien wertet die Ansiedlung als eines der wichtigsten Industrieprojekte der vergangenen Jahre. Bemerkenswert ist jedoch, dass für die Fabrik laut Regierung keine direkten Investitionsanreize fließen. Das Land stellt stattdessen das Gelände bereit und organisiert die Erschließung über die neue staatliche Entwicklungsgesellschaft SIRS. Die Stadt Cheb hatte die Flächen zuvor zur Verfügung gestellt. Aus dem späteren Verkauf erhält die Kommune eine Vergütung von umgerechnet rund 56 Millionen Euro.

Daimler Truck verlagert Teile der Lkw-Produktion nach Tschechien -das neue Werk schafft 1.100 Jobs und soll 25.000 LKWs im Jahr produzieren
Daimler Truck verlagert Teile der Lkw-Produktion nach Tschechien -das neue Werk schafft 1.100 Jobs und soll 25.000 LKWs im Jahr produzieren

Der tschechische Staat verbindet mit dem Werk hohe Erwartungen. Nach Regierungsangaben könnte das Projekt jedes Jahr rund 1,3 Milliarden Euro zum Bruttoinlandsprodukt beitragen. Zugleich werden zusätzliche Steuereinnahmen von etwa 550 Millionen Euro pro Jahr erwartet. Auch das Umfeld des Werks soll ausgebaut werden. Geplant sind Investitionen in Wohnungen, Straßen, Bahnanschlüsse, Schulen und Krankenhäuser. Außerdem wird der Bahnhof in Cheb für rund 12 Millionen Euro modernisiert, damit mehr Güter auf die Schiene verlagert werden können.

Warum Daimler Truck ausgerechnet Cheb wählte

Der neue Standort ist eine Folge tiefgreifender Veränderungen in der Lkw-Produktion. Kunden verlangen immer mehr Varianten bei Fahrzeuglänge, Fahrerhaus und Getrieben. Zugleich kommen zusätzliche Antriebsarten hinzu. Neben Diesel spielen Elektro- und Wasserstoff-Lkw eine immer größere Rolle. Diese Vielfalt macht die Fertigung auf engem Raum deutlich aufwendiger und teurer. Genau das belastet den Standort Wörth, obwohl er der wichtigste und größte im Konzern bleibt.

Für Cheb sprach deshalb ein ganzes Bündel von Faktoren. Wichtig waren die Nähe zu Kunden und Lieferanten sowie niedrigere Arbeitskosten. Ebenso zählten verfügbare Flächen und erreichbare Arbeitskräfte. Der Standort liegt grenznah zu Bayern und Sachsen und ist gut an die Autobahn D6 angebunden. Zudem passt Cheb in das bestehende Liefernetzwerk von Daimler Truck. Aus Kassel, Mannheim und Gaggenau sollen beide Werke beliefert werden. Auch die Präsenz von Daimler Buses im tschechischen Holýšov stärkt das industrielle Umfeld.


Region im Wandel, aber mit knappen Arbeitskräften

Die Ansiedlung trifft auf eine Region mit gemischten Voraussetzungen. Einerseits gilt Nordwestböhmen als strukturschwach und muss den Abschied von der Braunkohle wirtschaftlich verkraften. Andererseits ist der Raum Cheb seit Jahren für internationale Investoren attraktiv. Im Business Park sind bereits große Unternehmen wie H&M, DHL, Tchibo und BWI vertreten. Das neue Werk fügt sich also in einen bestehenden Industrie- und Logistikschwerpunkt ein. Gerade deshalb dürfte die Nachfrage nach Personal schnell steigen.

Der Arbeitsmarkt zeigt bereits heute Engpässe. Im Kreis Cheb lag die Arbeitslosenquote im Februar 2026 bei 5 Prozent und damit leicht unter dem Landeswert. Mehr als 3.000 Menschen waren dort als arbeitssuchend gemeldet. Im benachbarten Kreis Sokolov fiel die Quote mit 8,1 Prozent deutlich höher aus. Zugleich liegen die Löhne in der Region Karlovy Vary unter dem tschechischen Durchschnitt. Das könnte neue Bewerber anziehen, erhöht jedoch zugleich den Konkurrenzdruck um Fachkräfte. Für Tschechien markiert das Werk dennoch einen Einschnitt, weil die Lkw-Produktion im Land bislang fast nur noch von Tatra geprägt war. Mit Daimler Truck beginnt deshalb eine neue Größenordnung im Nutzfahrzeugbau.

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