China hat seinen wirtschaftlichen Aufstieg mit einem enormen Energieverbrauch erreicht und baut sein Energiesystem nun mit hohem Tempo weiter aus. Nach dem Einbruch des Immobilienmarkts floss viel Kapital in Solarfabriken und in die Autoindustrie, weshalb dort massive Überkapazitäten entstanden. Zugleich bleibt der zentrale Risikofaktor bestehen, denn ein großer Teil der als grün vermarkteten Produktion läuft weiter mit Kohle. Die Folgen des Solarbooms reichen von Verlusten entlang der Solarlieferkette über Insolvenzen und Stellenabbau bis zu wachsendem Preisdruck bei Elektroautos. Chinas Energiebilanz zeigt deshalb einen harten Widerspruch: Nach außen dominiert das Bild einer grünen Industriemacht, während im Hintergrund fossile Energie und der Ausbau der Kernkraft das System tragen (financialpost: 17.03.26).
Energiebilanz der Industrie – der grüne Boom hat einen fossilen Kern
Im Westen prägen vor allem Solarmodule, Batterien und Elektroautos das Bild von Chinas Energiepolitik. Diese Sicht wirkt eingängig, erfasst aber nur die sichtbare Oberfläche. Ein erheblicher Teil dieser Industrie arbeitet weiter mit Strom aus Kohle, während genau dieser Punkt in vielen Debatten untergeht.

Besonders deutlich wird das in der Solarbranche. Nach dem Ende des Immobilienbooms suchten Investoren neue Anlagemöglichkeiten, deshalb floss viel Geld in die Modulproduktion. In kurzer Zeit entstanden Kapazitäten, die inzwischen deutlich über dem liegen, was der Weltmarkt aufnehmen kann. Das erscheint wie Stärke, zeigt jedoch vor allem eine Überdehnung, die die Branche wirtschaftlich belastet.
Solarindustrie und E-Autos geraten unter Druck
Die wirtschaftlichen Folgen des Solarbooms sind bereits erheblich. Nach Einschätzung der Internationalen Energieagentur verzeichneten 2024 alle Bereiche der chinesischen Solarlieferkette Verluste. Die Margen lagen oft bei minus 20 Prozent oder noch darunter. Außerdem gingen mehr als 40 Unternehmen pleite, während die Branche rund ein Drittel ihrer Arbeitsplätze strich. Der Exporterfolg verdeckt also eine tiefe Krise, die aus Überkapazität und ruinösem Wettbewerb entstanden ist.
Hinzu kommt der Widerspruch in der Herstellung selbst. Nach den vorliegenden Angaben benötigt jede chinesische Siliziumhütte ein eigenes Kohlekraftwerk. Gerade deshalb beruht ausgerechnet die Produktion von Solartechnik auf einer fossilen Basis. Ein ähnliches Muster zeigt sich zudem bei Elektroautos. Auch dort floss nach der Immobilienkrise viel Kapital hinein, weil lokale Regierungen neue wirtschaftliche Stützen brauchten. Die Autoindustrie und ihre Dienstleistungen stehen inzwischen für rund ein Zehntel des chinesischen Bruttoinlandsprodukts.
Kernkraft sichert das System hinter dem grünen Schaufenster
Doch auch im E-Auto-Sektor wächst der Druck. Einer Prognose zufolge könnten von derzeit 129 chinesischen Marken im Jahr 2030 nur noch 15 wirtschaftlich tragfähig sein. Chinesische Käufer nehmen zwar fast zwei Drittel aller weltweit verkauften Elektroautos ab, jedoch beruht dieser Absatz auch auf staatlicher Förderung und sehr niedrigen Preisen. Die Energiebilanz der Fahrzeuge fällt zudem nüchterner aus als das Image. Batteriepacks werden mit Kohlestrom produziert, und geladen werden die Fahrzeuge in einem weiter stark kohlebasierten Netz. Nach einer aktuellen Schätzung verursacht ein chinesisches Elektroauto über seine Lebensdauer noch 85 bis 90 Prozent der CO₂-Emissionen eines Benziners.
Gerade deshalb greift die gängige Erzählung von der grünen Supermacht zu kurz. China wurde nicht durch Verzicht reich, sondern durch die Fähigkeit, große Energiemengen jederzeit bereitzustellen. Genau hier liegt der strategische Kern der Entwicklung. Peking treibt den Ausbau der Kernkraft mit hohem Tempo voran, weil sie im Unterschied zu wetterabhängigen Quellen verlässlich Strom liefert. Sie stabilisiert Netz und Industrie zugleich, während Solar und E-Autos vor allem das sichtbare Schaufenster bilden. Die langfristige Energiebilanz Chinas entscheidet sich deshalb nicht allein an Exportzahlen oder Verkaufsrekorden, sondern an der Frage, welche Energiequellen Wohlstand, Produktion und Versorgung tatsächlich absichern.
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