Die Bundesnetzagentur will Netzbetreiber nach „Energiewendekompetenz“ bewerten und die Werte veröffentlichen. Das ist weniger ein technisches Steuerungsinstrument als öffentlicher Druck auf kritische Infrastruktur, weil ein Ranking reputationswirksam wirkt. Zugleich bleibt eine Praxisgröße außen vor: eine Kennzahl zur Standardisierung von Netzanschlüssen und IT-Prozessen, obwohl Anbieter genau dort einen zentralen Engpass benennen (welt: 26.01.26).
Transparenz wird zur Sanktion, obwohl das System hochkomplex ist
Die Behörde kündigt an, individuelle Kennzahlenwerte künftig öffentlich zu machen. Damit wird „Transparenz“ faktisch zur Reputationsstrafe, weil schlechte Werte in kommunalen Gremien sofort Diskussionen auslösen. Gleichzeitig hängen Netzengpässe an Faktoren, die sich nicht kurzfristig wegregulieren lassen, und deshalb kann ein Ranking falsche Schuldzuweisungen befördern.

Die Bundesnetzagentur erklärt, Bonus- oder Malus-Zahlungen seien „noch nicht“ vorgesehen. Dieses „noch“ setzt dennoch einen Erwartungsrahmen, weil es eine spätere Monetarisierung des Rankings nahelegt. Außerdem entsteht eine Drohkulisse, bevor überhaupt klar ist, ob das Messkonzept verlässlich funktioniert.
Anschlussstau: Engpass durch Nachfrage-Schock, nicht durch „Faulheit“
Netzbetreiber melden seit Monaten volle Kapazitäten und die Wartelisten wachsen. Mainovas Netztochter in Frankfurt rechnet damit, weitere Rechenzentren erst Mitte der 2030er-Jahre anschließen zu können. 50Hertz nennt als Grenze Ende 2029, bis dahin will das Unternehmen noch 75 Projekte anschließen, während weitere 150 Anschlussbegehren ab 2030 folgen sollen.
Auch Verteilnetzbetreiber berichten von sprunghafter Nachfrage. Westnetz erwartete eine Verdopplung der Anträge für Solardach-Anschlüsse zwischen 2021 und 2024, tatsächlich kam eine Vervierfachung. Damit wird klar, wie schnell Planung, Material, Personal und Genehmigungen an Grenzen stoßen.
„Name and shame“ passt nicht zu kritischer Infrastruktur
Die Strategie ist als „Name and shame“ bekannt. Das Cambridge Dictionary beschreibt das als: „öffentlich zu sagen, dass eine Person, eine Gruppe oder ein Unternehmen etwas Falsches getan hat“. In Bereichen mit klaren Regelverstößen kann das wirken, doch bei Netzinfrastruktur wirken viele Variablen gleichzeitig, weshalb öffentliche Beschämung schnell zum Ersatz für Ursachenanalyse wird.
Vergleiche mit Transparenzstellen bei Sprit oder Fernwärme greifen zudem zu kurz. Dort lassen sich Preise empirisch messen, während bei einer Kompetenzbewertung die Auswahl der Kennzahlen das Ergebnis prägt. Zudem können Rankings wirtschaftliche Folgen haben, weil Kommunen Konzessionen, Investoren Risikoprämien und Projektierer Standortentscheidungen daran ausrichten könnten.
Die größte Lücke: Standardisierung wird nicht gemessen
Neue Energieanbieter unterstützen die Idee einer Qualitätsregulierung, weil sie schnellere Prozesse erwarten. LichtBlick kritisiert fehlende Digitalisierung und die „schleppende Umsetzung gesetzlicher Vorgaben wie den Smart-Meter-Rollout“. Das Unternehmen verweist außerdem auf Hunderte unterschiedliche technische und Anschlussbedingungen, die Projekte verlangsamen, weil jeder Betreiber andere Regeln nutzt.
Auch Octopus Energy nennt fehlende Standards als Kernproblem. Deutschland-Chef Bastian Gierull sagt: „Wir kämpfen bei diversen Themen – vom Smart Meter über Wärmepumpen bis hin zum bidirektionalen Laden – mit der fehlenden Standardisierung“. Er kritisiert zudem: „Mehr als 800 verschiedene Insellösungen sind ein enormer Blocker für die Digitalisierung in Deutschland“. Trotzdem will die Bundesnetzagentur ausgerechnet zur Standardisierung von Netzanschlüssen keine Kennzahl erheben.
BDEW warnt vor Scheingenauigkeit und begrenzter Steuerbarkeit
Kerstin Andreae, Chefin des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft, kritisiert, es bleibe „unklar, welche konkreten Probleme durch das neue Regulierungsinstrument bei der Umsetzung gelöst werden sollen“. Sie hält die vorgesehenen Kennzahlen für nur begrenzt beeinflussbar, weil Lieferkettenprobleme und Kundenentscheidungen außerhalb der Verantwortung der Netzbetreiber liegen. Außerdem seien die zwischen März und April 2025 erhobenen Daten „von hohen Schätzquoten geprägt und lassen keine verlässliche Beurteilung über die Energiewendekompetenz der Unternehmen zu“.
Wenn Kennzahlen stark geschätzt werden, wirkt die Veröffentlichung nicht wie Transparenz, sondern wie ein amtliches Gütesiegel ohne verlässliche Messbasis. Andreae hält stattdessen ein Bonussystem für plausibel, das tatsächliche Beiträge belohnt, weil es Investitionen stimuliert, ohne Betreiber für nicht steuerbare Risiken zu bestrafen.
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