Bosch schließt in Bretten gerade erst modernisierte Musterfabrik für Backöfen

Im badischen Bretten bei Karlsruhe will die Bosch-Tochter BSH, kurz für Bosch-Siemens Hausgeräte, ihr Werk für Backöfen und Dunstabzugshauben spätestens im März 2028 schließen. Dabei wurde der Standort erst 2025 weiter modernisiert und gilt qals Musterfabrik. Eine neue Emaillierungsanlage gilt sogar als technisches Vorzeigeprojekt. Die Schließungspläne wurden im Oktober bekannt. Sie trafen rund 1000 Beschäftigte, die Stadt und die Arbeitnehmervertreter völlig überraschend. Als Gründe nennt der Konzern schwache Märkte, Überkapazitäten im europäischen Produktionsnetz und hohe Arbeitskosten in Bretten. Betriebsrat und Rathaus verweisen jedoch auf laufende Investitionen, schwarze Zahlen und die hohe Bedeutung des Werks. Besonders brisant ist deshalb, dass eine erst kürzlich als energieeffizient präsentierte Anlage schon nach wenigen Jahren stillstehen soll. Für Bretten geht es zugleich um weit mehr als nur ein Werk. Betroffen sind auch Zulieferer, Handwerker und ein Traditionsstandort, der seit dem 19. Jahrhundert eng mit der Marke Neff verbunden ist (faz: 23.03.26).


Bretten zwischen Hightech-Ausbau und Werksschließung

Im Werk hängen gepresste Stahlbleche an Förderbändern, werden mit Pulver beschichtet und danach in einer 835 Grad heißen Anlage emailliert. Gerade dieser Ofen gilt als technisch besonders fortschrittlich, jedoch soll er nur bis zur geplanten Schließung laufen. Für den Betriebsrat steht die neue Anlage deshalb sinnbildlich für eine Entscheidung, die er wirtschaftlich und organisatorisch nicht nachvollziehen kann.

Bosch gibt frisch modernisierte Musterfabrik für Backöfen in Bretten auf - 1000 Beschäftigte und viele Zulieferer betroffen
Bosch gibt frisch modernisierte Musterfabrik für Backöfen in Bretten auf – 1000 Beschäftigte und viele Zulieferer betroffen

Hinzu kommen weitere Investitionen, die aus Sicht der Beschäftigten nicht zu einem Standortende passen. BSH modernisierte die Ofenmontage, installierte eine neue automatisierte Linie für Dunstabzugshauben und baut zudem das Schulungszentrum auf dem Gelände um. Betriebsratschef Kristian Kipcic-Suta sagt: „Für uns ist das alles eine Katastrophe und völlig unverständlich. Wir verstehen nicht, dass man über Jahre investiert und auch jetzt das Werk noch weiter ausbaut und modernisiert und nun alles schließen will.“

Schock in der Belegschaft und Wut im Rathaus

Der Bruch mit früheren Zusagen wiegt besonders schwer. Anfang 2024 hatte BSH zwar weltweiten Stellenabbau angekündigt, zugleich jedoch erklärt, an den sechs deutschen Produktionsstandorten festhalten zu wollen. Deshalb kam die Nachricht für viele Mitarbeiter völlig überraschend, während die Belegschaft die Entscheidung laut Betriebsrat bis heute nicht akzeptiert hat. Thomas Rudolph beschreibt den Moment der Verkündung so: „Die Kollegen standen mit leerem Blick da. Das war eine Schockstarre, die Kollegen haben das Wochenende gebraucht, um zu realisieren, was passiert ist.“

Für die Stadt ist der Fall auch deshalb heikel, weil Bretten den Standort aktiv gestützt hat. 2022 ließ die Kommune ein Parkhaus für 8,5 Millionen Euro bauen, damit BSH Flächen auf dem Werksgelände für Produktion, Verwaltung und Logistik nutzen kann. Oberbürgermeister Nico Morast kritisiert zudem, dass die Geschäftsführung bis heute keine nachvollziehbare Begründung vorgelegt habe und Gespräche über Alternativen abblocke. Nach seinen Schätzungen stehen nicht nur 1000 Stellen im Werk, sondern bis zu 3000 weitere Arbeitsplätze in der Region unter Druck.


Traditionsstandort mit Gewinn, aber ohne Zukunftsgarantie

Der Standort ist für BSH nicht irgendeine Fabrik, sondern der historische Kern der Marke Neff. 1877 gründete Carl Andreas Neff dort einen Betrieb für kohlebefeuerte Backöfen, aus dem später ein großer Hersteller von Elektroherden wurde. Nach mehreren Eigentümerwechseln und einer Rettung in der AEG-Krise ging das Werk an BSH über. Umso härter trifft Bretten, dass die Produktion ausgerechnet kurz nach dem 150-jährigen Jubiläum enden soll, das 2027 ansteht.

Auch wirtschaftlich bleibt der Streit scharf. Branchenexperten schätzen für das Werk 2025 einen operativen Gewinn von rund 23 Millionen Euro bei 250 bis 300 Millionen Euro Umsatz, während der Betriebsrat von einem wirtschaftlich stabilen Standort spricht. BSH hält dagegen, der Standort habe im europäischen Backofen-Verbund die niedrigste Kapazitätsauslastung und zugleich die höchsten Arbeitskosten. Der Konzern verteidigt die Schließung deshalb als strategische Maßnahme, um die Wettbewerbsfähigkeit des Gesamtunternehmens zu sichern, während Bosch als Muttergesellschaft den Schritt ausdrücklich mitträgt. Vor Ort klingt das jedoch wie blanke Missachtung eines profitablen und identitätsstiftenden Werks.

Lesen Sie auch:

Nach oben scrollen