Im Jahr 2014 brauchte das Kanzleramt aktuelle Bilder aus dem All. Russland hatte die Krim annektiert. Deshalb wollte die Bundesregierung wissen, ob russische Verbände verdeckt in der Ostukraine operierten. Sie suchte Hinweise auf Truppenbewegungen. Auch Gerät und Nachschubwege waren wichtig. Dazu benötigte der Bundesnachrichtendienst (BND) externe Anbieter, die aber tagelang nicht lieferten. Ein eigener Satellit sollte diese Lücke schließen. Das Ziel lautet Unabhängigkeit, aber die Realität bleibt zäh, denn das Projekt „Georg“ zieht sich schon über Jahre und der Start wird immer wieder verschoben (heise: 13.01.26).
Satellit als Staatsprojekt – Termine rutschen, Aussagen bleiben knapp
Der Name „Georg“ steht seit Jahren für ein nationales Aufklärungsvorhaben, doch die Zeitpläne zerbröseln. Intern war der Erststart einmal für 2022 vorgesehen, später folgten 2024 und 2025. Jetzt fällt als Ziel nur noch „im Laufe von 2026“, während konkrete Daten fehlen.

Öffentlich verweist die Regierung auf Geheimhaltung, weil Parlament und Sicherheitsgremien zuständig sind. Hinter den Kulissen klingt es nüchterner als früher, obwohl die Erwartungen hoch bleiben. Ein früherer BND-Chef sprach zudem über Verzögerungen in der Fertigung, was den Spielraum noch weiter einengt.
Bundeswehr-Erfahrung bei OHB – Technikfehler kosten Lebensdauer im Orbit
Die größte Warnung kommt aus einem anderen Programm, denn die Bundeswehr bestellte eigene Systeme zur Aufklärung aus dem All beim selben Hersteller. 2023 gingen Radarsysteme in den Orbit, aber zwei Einheiten blieben zunächst funktionslos. Die Antennen fuhren nicht aus, und die Mission stand auf Messers Schneide.
Der Hersteller rettete die Lage erst nach riskanten Manövern, allerdings fraßen diese Eingriffe viel Treibstoff. Damit sinkt die erwartete Einsatzzeit und genau dieses Szenario will das Kanzleramt beim Georg-Vorhaben vermeiden. Ein weiterer Satellit darf nicht als teurer Ausfall enden, sonst wäre das politische Signal fatal.
BND bleibt abhängig – Datenzukauf statt eigener Optik
Finanziell ist das Projekt längst groß, trotzdem arbeitet der Auslandsgeheimdienst weiter mit Übergangslösungen. Der BND nutzt Daten der Bundeswehr, Material von Partnerdiensten und Einkäufe bei kommerziellen Anbietern. Diese Praxis liefert zwar kurzfristig Ergebnisse, aber sie ersetzt keine eigene Kette aus Sensorik, Auswertung und Priorisierung.
Gerade bei der Spionage zählt Tempo und Lagebilder werden oft binnen Stunden gebraucht. Wer dann auf Partner angewiesen ist, verliert Kontrolle über Auflösung, Timing und Verfügbarkeit. Deshalb bleibt der Druck hoch, einen eigenen Satellit für optische Aufklärung ins All zu bringen, auch wenn die Technik am Boden länger geprüft wird.
Weltraumsicherheit und Startfrage: SpaceX füllt eine europäische Lücke
Strategisch rückt das All stärker in den Mittelpunkt, denn Deutschland will kritische Infrastruktur und militärische Fähigkeiten im Orbit besser schützen. In der neuen Linie zur Weltraumsicherheit geht es um eigene Netze, resilientere Systeme und weniger Abhängigkeit. Das Ziel klingt klar, aber die Umsetzung kollidiert mit fehlenden europäischen Schwerlaststarts.
Deshalb gilt ein Start mit SpaceX als realistisches Szenario, obwohl das politisch unbequem wirkt. Europa kann derzeit nicht jede Nutzlast zuverlässig selbst ins All bringen und das bremst Souveränität. Wer Weltraumsicherheit ernst meint, muss nicht nur Sensoren bauen, sondern auch Trägersysteme stärken, sonst bleibt der Handlungsspielraum begrenzt.
Kosten, Kontrolle, Konsequenzen – warum das Kanzleramt lieber wartet
Im Kanzleramt dominiert ein Risiko-Kalkül, denn ein Fehlstart würde Vertrauen und Geld zugleich verbrennen. Lieber verzögert sich Georg, als dass ein komplexer Orbiter nach wenigen Monaten ausfällt. Diese Vorsicht ist nachvollziehbar, aber sie verlängert die Abhängigkeit in der täglichen Aufklärung.
Gleichzeitig wächst die Erwartung, dass der BND bei Krisenlagen schneller eigene Bilder liefern kann und dass Deutschland bei SpaceX nicht dauerhaft anklopfen muss. Solange Georg nicht startet, bleibt die Bilanz ambivalent: hohe Ausgaben, begrenzte Autonomie und ein Projekt, das politisch als Maßstab für moderne Weltraumsicherheit gilt.
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