Bieterkrieg um LNG – Asien schnappt Europa Gaslieferungen weg

Europa gerät auf dem Gasmarkt in einen neuen Bieterkrieg. Nach den Angriffen der USA und Israels auf Iran kann Flüssigerdgas aus den Golfstaaten nicht mehr regulär durch die Straße von Hormuz verschifft werden. Zugleich sind Europas Gasspeicher nach dem Winter ungewöhnlich leer. In den vergangenen Tagen wurden bereits mehrere LNG-Tanker nach Indien, China, Taiwan und Japan umgeleitet. Damit steigt der Druck auf Europa genau in dem Moment, in dem die Speicher wieder gefüllt werden müssten. Das zentrale Risiko liegt in der Verbindung aus knapperem Angebot, asiatischen Notkäufen und schwachen Reserven. Die Folgen sind klar: höhere Preise, härtere Konkurrenz und wachsende Unsicherheit für die Versorgung (nzz: 18.03.26).


Leere Speicher treffen Europa zur Unzeit

Der Zeitpunkt ist für Europa besonders heikel. Seit dem Ukraine-Krieg hat der Kontinent große Teile des russischen Pipeline-Gases durch LNG ersetzt. Dadurch hängt die Versorgung viel stärker vom Weltmarkt ab. Genau dieser Markt gerät nun zusätzlich unter Druck. Das verschärft die Lage, weil Europa nicht mehr auf breite Reserven zurückgreifen kann.

Bieterkrieg um LNG: Asien schnappt Europa Gaslieferungen weg. Leere Speicher und höhere Preise verschärfen die Versorgungslage
Bieterkrieg um LNG: Asien schnappt Europa Gaslieferungen weg. Leere Speicher und höhere Preise verschärfen die Versorgungslage

Die Speicherstände zeigen das Problem deutlich. In Deutschland lagen die Reserven laut Energie-Dashboard am 10. März nur bei 21,6 Prozent. Der Fünfjahresdurchschnitt liegt dagegen bei 43 Prozent. Europa startet also mit einem klaren Nachteil in die nächste Beschaffungsphase. Deshalb kann schon die Umleitung weniger Schiffe erhebliche Folgen haben. Jeder Tanker, der seinen Kurs Richtung Asien ändert, fehlt beim Auffüllen der europäischen Speicher.

Asiatischer Bieterkrieg treibt Preise und verschiebt den Markt

In Asien ist die Lage vieler Käufer noch angespannter. Zahlreiche Staaten müssen LNG kurzfristig am Spotmarkt beschaffen. Dort werden frei verfügbare Mengen gehandelt, die nicht bereits an feste Ziele gebunden sind. Anders als Europa können viele Länder in Asien Gas jedoch nur für wenige Tage speichern. Deshalb kaufen sie sofort, sobald freie Ladungen auftauchen.

Laut Morgan Stanley reichen die Reserven in Indien nur sechs Tage, in Taiwan zehn und in Südkorea fünfzehn. Japan verfügt mit rund zwanzig Tagen über den längsten Puffer. Trotzdem bleibt auch dort die Abhängigkeit von laufenden Lieferungen hoch. Dieser Bieterkrieg treibt die Preise bereits deutlich nach oben. Vor dem Krieg lag der LNG-Preis in Asien noch unter dem europäischen Referenzwert TTF. Danach stieg er in Asien um 150 Prozent auf rund 25 Dollar je Million BTU, während Europa auf etwa 19 Dollar kletterte. Händler schicken ihre Schiffe deshalb lieber nach Asien. Für Europa wird dieser Bieterkrieg damit vor allem zu einem Preis- und Versorgungsproblem.


Japan wird zum Machtfaktor im globalen LNG-Handel

Japan spielt in dieser Lage eine besondere Rolle. Das Land hat seine Abhängigkeit von Gas aus der Golfregion auf nur noch 11 Prozent gesenkt. Südkorea, Taiwan und Indien beziehen dagegen rund 30 Prozent ihres Bedarfs aus der Krisenregion. Zudem deckt Japan den Großteil seiner Importe über Langfristverträge ab. Dadurch ist das Land robuster als viele andere Käufer in Asien.

Gleichzeitig haben sich japanische Unternehmen weit größere Mengen gesichert, als sie selbst verbrauchen. Damit treten sie nicht nur als Käufer, sondern auch als Händler auf. Laut Jogmec liefen 2024 rund 103 Millionen Tonnen LNG durch die Bücher japanischer Firmen. Das entsprach etwa 40 Prozent mehr als Japans eigenem Bedarf. 2018 lag dieser Überschuss erst bei 18 Prozent. Ein zentraler Akteur ist Jera, das Gemeinschaftsunternehmen von Tepco und Chubu Electric Power. Jera gilt als größter Gaskäufer der Welt und kontrolliert rund 40 Prozent des japanischen Gasvolumens. Zugleich baut das Unternehmen die Zusammenarbeit mit der südkoreanischen Kogas aus. Bereits 2025 organisierten beide erste Gas-Swaps und leiteten ein Schiff von Korea nach Japan um. Für Europa bedeutet das zusätzlich stärkere Konkurrenz, während ärmere Länder in Südostasien und Indien schon jetzt mit Schließungen von Universitäten, Telearbeit und stillgelegten Düngerfabriken reagieren.

Lesen Sie auch:

Nach oben scrollen