Der Stromausfall im Berliner Südwesten ist längst mehr als eine technische Krise nach einem Anschlag. Er ist ein Prüfstein für den Berliner Katastrophenschutz. Und dieser Prüfstein legt offen, was der Rechnungshof bereits beschrieben hat: fehlende Koordinierung, unklare Zuständigkeiten, mangelhafte Vorbereitung (apollo-news: 05.01.26). In der Praxis heißt das: Kälte, Improvisation – und ein Staat, der zu oft erst dann sichtbar wird um sich medienwirksam fotografieren zu lassen aber die erwartete Hilfe, wie im Fall einer 97-Jährigen Pflegebedürftigen weitgehend ausbleibt (berliner-zeitung: 04.01.26).
97-Jährige auf Feldbett – wie Berlin mit Pflegebedürftigen umgeht
Der Fall einer 97-Jährigen pflegebedürftigen ist kein Randdetail. Er ist das Symbol dieser Krise. Eine hochbetagte, pflegebedürftige Frau landet nach dem Stromausfall in einer Turnhalle auf einem Feldbett.

Die Angehörigen erfahren davon erst im Nachhinein. Der Sohn schildert, die Mutter habe kaum gegessen und getrunken, ihr Zustand habe sich verschlechtert. Das ist nicht „unbequem“. Das ist eine Lage, in der ein funktionierendes System sofort Alarm schlagen müsste: Pflegebedarf priorisieren, Betreuung sicherstellen, Angehörige informieren, Alternativen organisieren. Genau diese Kette riss. Und damit riss sie an der empfindlichsten Stelle: bei Menschen, die sich selbst nicht schützen können.
Der Fototermin am Feldbett – und das Schweigen dahinter
Dann die Szene, die viele wütend machte: Der Regierende Bürgermeister Kai Wegner und Innensenatorin Iris Spranger stehen in der Turnhalle am Feldbett der 97-Jährigen, lassen sich fotografieren – ein Bild, das in sozialen Medien Empörung auslöste. Nicht, weil politischer Besuch per se falsch wäre. Sondern weil die Symbolik entlarvend wirkte: Da wird Nähe inszeniert, während die elementaren Fragen unbeantwortet bleiben, denn ausgerechnet vor Ort, im Zentrum des Skandals, hatten beide nach den Berichten keine Erklärung dafür, warum die Angehörigen nicht kontaktiert wurden. Das ist der eigentliche Moment der Blamage. Wenn die Spitze des Senats am Feldbett steht, aber nicht sagen kann, wer entschieden hat, wer informiert wurde, wer verantwortlich ist – dann ist das kein Kommunikationsproblem. Dann ist das Führungslosigkeit in Echtzeit.
Oder anders: Berlin bekommt das Foto. Berlin bekommt nicht die Antwort.
Hotel statt Notquartier – nur eben auf eigene Rechnung
Parallel dazu wird ein Ausweg angeboten, der sich wie ein Hohn liest: „Berliner Hotels für Berliner“. Zimmer ab 70 Euro, Buchung per Code, CityTax entfällt. Das klingt nach Hilfe. Es ist aber in erster Linie ein Rabattmodell – bezahlt von den Betroffenen. Wer friert, soll sich ein Dach über dem Kopf kaufen. Wer nicht zahlen kann, bleibt in der Turnhalle oder in der kalten Wohnung.
Damit entsteht eine soziale Schieflage, die in sozialen Medien sofort aufgegriffen wurde: Die Stadt organisiert in anderen Kontexten Hotelunterbringung auf öffentliche Kosten – aber wenn Berliner im Notfall aus ihren Wohnungen müssen, wird ihnen ein „Sonderpreis“ präsentiert. Diese Kritik ist politisch aufgeladen, aber sie speist sich aus einer simplen Wahrnehmung: Für andere findet der Staat Lösungen. Für die eigenen Leute gibt es einen Buchungscode.
Hinzu kommt: Das Hotelangebot wurde von Franziska Giffey über soziale Medien beworben (facebook: 04.01.25). Auch das heizt die Debatte an – weil es den Eindruck verstärkt, als solle mit einer Kampagne kompensiert werden, was operative Krisenarbeit eigentlich leisten müsste.
Rechnungshof – das Versagen war angekündigt
Das vielleicht Schlimmste ist, dass all das nicht überraschend kommt. Der Rechnungshof hat Defizite beim Berliner Katastrophenschutz beschrieben: unzureichende Umsetzung, zu wenig übergreifende Steuerung, fehlende Klarheit. Das sind keine abstrakten Verwaltungsformulierungen. Das sind die Gründe, warum in einer realen Krise niemand sicher weiß, wer welche Aufgabe hat – und warum die Versorgung der Schwächsten nicht automatisch funktioniert, sondern vom Zufall abhängt.
Der Stromausfall wirkt deshalb wie ein Lehrstück: Berlin hat Warnungen, aber keine wirksame Umsetzung. Berlin hat Strukturen auf dem Papier, aber im Ereignisfall dominiert Improvisation.
Fazit: 97-jährige als Sinnbild eines Systems, das nicht liefert
Es gibt Krisen, in denen eine Stadt zusammensteht, weil Führung, Abläufe und Prioritäten stimmen. Und es gibt Krisen, in denen der Staat seine Bürger nicht robust schützt, sondern die Lage „managt“, indem er sie begleitet: mit Besuchen, Statements und Bildern.
Der Berliner Stromausfall gehört bisher eher zur zweiten Kategorie. Eine 97-Jährige auf dem Feldbett, Angehörige ohne Information, ein Fototermin ohne Antworten, ein Hotelangebot auf Selbstzahlerbasis – und darüber die Frage, die nach dieser Woche nicht mehr verschwinden wird: Wenn das schon der Ernstfall ist, wie sieht dann erst bei einem echten noch größeren Ernstfall aus?
Lesen Sie auch:
