Bei BASF wächst die Unruhe in den Büros und in Berlin trifft es einen besonders sensiblen Kern. Denn der Konzern richtet zentrale Service-Strukturen neu aus und setzt dabei auf Indien. Betroffen ist ausgerechnet die Berliner Service Gesellschaft, in der rund 3000 Beschäftigte Aufgaben wie Finanzen, Personal und Logistik für den Konzern abwickeln. Damit gerät ein Standort unter Druck, der über Jahre als stabiler Anker bei der Verwaltung galt und politisch als Erfolgsgeschichte verkauft wurde. Gleichzeitig trifft es Bereiche, die bislang als relativ sicher galten, weil sie nicht direkt an einzelne Anlagen oder Produktlinien gebunden sind (welt: 13.02.26).
Global Hub in Indien – was BASF bei der Verwaltung plant
BASF spricht von einer „agilere[n], noch zielgerichtetere[n] Organisation“ und will die „Kosteneffizienz deutlich steigern“. Deshalb soll der Bereich „Global Business Services“ in einem neuen globalen Hub in Indien gebündelt werden. Der Konzern kündigt an, „verstärkt kosteneffiziente Standorte“ zu nutzen. Hinter der PR-Formel steckt ein klares Signal: Aufgaben sollen dorthin, wo sie billiger sind.

In Berlin arbeiten rund 3000 Beschäftigte in der Berliner Service Gesellschaft, und dort kippt die Stimmung. Allerdings nennt BASF keine konkreten Abbauzahlen. Aus Standortkreisen heißt es, bis zu 70 Prozent der Stellen in der Verwaltung könnten betroffen sein. Das entspräche mehr als 2000 Jobs, die ins Ausland wandern oder wegfallen.
Zweite Rückzugswelle – erst Produktion, jetzt die Verwaltung
Der Kurs passt in ein Muster, weil BASF seit Jahren Teile der Wertschöpfung außerhalb Deutschlands ausbaut. Unter Ex-Chef Martin Brudermüller wurden Kapazitäten in Ludwigshafen gedrosselt und Stellen gestrichen. Zudem kritisierte Brudermüller immer wieder hohe Energiekosten in Europa und Bürokratie als Standortbremse. Gleichzeitig flossen große Investitionen in neue Verbünde, etwa nach China.
Seit 2024 führt Markus Kamieth den Konzern und er hielt die Linie seines Vorgängers weitgehend. Er schloss betriebsbedingte Kündigungen in Ludwigshafen zwar bis 2028 aus. Dennoch verschiebt sich der Schwerpunkt jetzt sichtbar in die Verwaltung. Das ist politisch brisant, weil die Verlagerung nicht einzelne Anlagen betrifft, sondern ganze Serviceketten.
Digital Hub Indien und Druck auf weitere Standorte
Ende Januar meldete BASF zusätzlich einen globalen „Digital Hub“ für „digitale Services“ in Indien. Damit entsteht ein zweites Zentrum, das deutsche Aufgabenbereiche tangiert. Währenddessen laufen an mehreren Standorten Gespräche über Stellenreduzierungen, unter anderem in Schwarzheide. Die Gewerkschaft spricht von Hunderten betroffenen Arbeitsplätzen, doch BASF bleibt bei Personalzahlen vage.
Der Konzern verweist auf laufende Planungen und gesetzliche Konsultationen. Zudem betont BASF, „vor Abschluss dieser Prozesse werden keine individuellen Entscheidungen getroffen“. Die Beschäftigten würden „Schritt für Schritt in einem transparenten, zeitnahen und rechtskonformen Prozess informiert“. Solche Sätze beruhigen kaum, wenn gleichzeitig Strukturen nach Indien gezogen werden.
IGBCE warnt vor Tarifbruch und kündigt Konsequenzen an
Die IGBCE reagiert scharf, weil Berlin für BASF lange ein tarifpolitisches Vorzeigeprojekt war. Michael Vassiliadis erklärte: „Mit diesem beschäftigungspolitischen Schlag führt BASF ein tarifliches Vorzeigeprojekt zu einem Ende, mit dem wir Tausende gute Arbeitsplätze in der Bundeshauptstadt geschaffen haben“. Auch deshalb steht ein Konflikt um alte Zusagen im Raum. Denn die Gewerkschaft hatte vor rund 20 Jahren spezielle Regelungen für Berlin mitgetragen.
2005 wurde ein eigener Tarifvertrag ermöglicht, damit BASF konzerninterne Dienstleistungen in Berlin bündelt und nicht in die Slowakei auslagert. Dafür akzeptierten Beschäftigte niedrigere Gehälter und längere Arbeitszeiten als im Flächentarif. Nun droht die IGBCE mit der Aufkündigung dieser Konstruktion. Sie sieht „keine Perspektiven für eine Weiterführung des unternehmensbezogenen Verbandstarifvertrags“, falls BASF ernsthaft verlagert.
Kai Wegner fordert Fahrplan, Mitbestimmung und Tarifbindung
Auch die Berliner Landespolitik schaltet sich ein und das ungewöhnlich deutlich. Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner erklärte, er habe die Ankündigung „mit großer Sorge zur Kenntnis“ genommen. Er erinnert daran: „Berlin hat sich über Jahrzehnte hinweg als verlässlicher, innovationsfreundlicher und stabiler Wirtschaftsstandort für die BASF erwiesen“. Damit stellt er den Konzern öffentlich in die Pflicht.
Wegner verlangt eine „transparente und nachvollziehbare Darstellung der weiteren Planungen für den Standort Berlin“. Außerdem fordert er einen sozialverträglichen Umgang, die frühe Einbindung der Betriebsräte und einen klaren Zeitplan. Zugleich knüpft er die Zukunftsperspektive an Bedingungen, weil „Perspektiven für einen Verbleib von Unternehmensaktivitäten in Berlin“ auch künftig tarifgebunden sein müssten. Genau daran entscheidet sich jetzt, ob BASF in Berlin nur umorganisiert oder einen massiven Abzug einleitet.
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