Europas Großbanken stehen vor einem harten Effizienzprogramm, weil Investoren Kostenquoten und Ertragskraft immer strenger vergleichen. Dazu skalieren inzwischen digitale Prozesse schneller als klassische Filialmodelle. Morgan Stanley erwartet deshalb einen tiefen Einschnitt beim Personal. Künstliche Intelligenz und Filialabbau soll zugleich als Hebel für mehr Produktivität dienen (ft: 31.12.25).
Morgan Stanley rechnet mit rund zehn Prozent weniger Stellen
Die Analysten von Morgan Stanley haben 35 bedeutende europäische Banken untersucht. Dabei kommt das Unternehmen zu dem Ergebnis, dass bis 2030 rund zehn Prozent der Stellen wegfallen könnten. In Summe wären damit mehr als 200.000 Jobs betroffen, weil die betrachteten Institute zusammen etwa 2,12 Millionen Menschen beschäftigen. Daraus leitet Morgan Stanley ein Szenario von ungefähr 212.000 potenziell gestrichenen Positionen ab, sofern die Institute den KI-getriebenen Umbau konsequent umsetzen.

Morgan Stanley sieht dabei einen doppelten Treiber, denn Banken automatisieren interne Abläufe und reduzieren gleichzeitig Filialen. Viele Vorgänge wandern in Apps und Portale, und parallel übernehmen KI-Modelle Prüfungen, Abgleiche und Dokumentation, die bislang große Teams gebunden haben. Morgan Stanley beziffert das Effizienzpotenzial durch „KI und weitere Digitalisierung“ auf bis zu 30 Prozent. Dies erhöh den Kostendruck auf Personal weiter.
Welche Bereiche Morgan Stanley besonders gefährdet sieht
Morgan Stanley erwartet die stärksten Einschnitte in Bereichen mit geringer Kundennähe, weil dort wiederkehrende Aufgaben leichter standardisiert werden können. Besonders betroffen seien zentrale Dienste, Backoffice- und Middleoffice-Funktionen sowie Risikomanagement und Compliance, weil Datenprüfung, Reporting und Regelkontrollen zunehmend als Softwareprozess abbildbar sind. Morgan Stanley argumentiert, dass KI diese Tätigkeiten schneller und konsistenter erledigen kann, während Banken zugleich ihre internen Kontrollketten verschlanken.
Darüber hinaus verweist Morgan Stanley darauf, dass sich der Umbau je nach Markt unterschiedlich ausprägt, weil Kostenstrukturen und Filialdichte stark variieren. Länder wie Frankreich und Deutschland gelten in der Analyse als besonders sensibel, weil hohe Kostenquoten den Druck erhöhen, den größten Ausgabenblock zu reduzieren, und das bleibt in vielen Häusern das Personal. Morgan Stanley verknüpft diese Lage mit dem Trend zur Digitalisierung im Privatkundengeschäft, der in großen Volumina wirkt.
ABN Amro und Société Générale setzen die ersten Markierungen
Ein Teil der Entwicklung ist bereits konkret, und einzelne Institute nennen klare Ziele. ABN Amro will bis 2028 rund 20 Prozent der Vollzeitstellen streichen, und damit liefert die Bank ein Beispiel für die Größenordnung, die auch andere Häuser prüfen. Bei Société Générale formulierte Konzernchef Slawomir Krupa die Linie besonders deutlich, weil er erklärte: „Nichts ist heilig.“ Morgan Stanley ordnet solche Aussagen als Signal ein, dass der Rotstift nicht nur einzelne Teams betrifft, sondern potenziell jede Funktion.
Für viele Banken bedeutet das eine heikle Balance, weil Einsparungen schnell sichtbar werden sollen, aber Know-how nicht beliebig ersetzbar ist. Wenn KI Prüfungen und Dokumentationen übernimmt, müssen Verantwortlichkeiten dennoch klar bleiben, und Risikomodelle brauchen weiterhin menschliche Kontrolle. Morgan Stanley beschreibt den Umbau daher weniger als kurzfristige Sparrunde, sondern als strukturelle Verschiebung von Tätigkeiten weg von Routinearbeit hin zu Steuerung, Qualitätssicherung und Technologiekompetenz.
Kritische Stimmen warnen vor Wissenslücken
Neben den Einsparzielen rücken auch Risiken in den Vordergrund, weil zu viel Automatisierung die Ausbildung im Bankgeschäft verändern kann. Ein Vertreter von JPMorgan warnte gegenüber der Financial Times, es könne eine Generation von Bankern entstehen, die elementare Fachkenntnisse nie erworben hat, wenn KI die Grundlagenarbeit früh verdrängt. Das Problem betrifft nicht nur Karrierewege, sondern auch die Stabilität von Kontrollfunktionen, weil Erfahrung in Stressphasen zählt und nicht allein Geschwindigkeit im Normalbetrieb. Morgan Stanley liefert zwar die Kostenthese, doch die Branche muss parallel die Kompetenzfrage lösen.
Auch in den USA zeigt sich der Trend, und dort setzen große Häuser ebenfalls auf KI-getriebene Prozessketten. TechCrunch berichtet unter Verweis auf die Financial Times, Goldman Sachs habe einen Einstellungsstopp bis Ende 2025 kommuniziert und das Programm „OneGS 3.0“ ausgerollt, das vom Onboarding bis zur Meldung an Aufseher stärker KI nutzt. Das unterstreicht, dass Morgan Stanley nicht nur eine europäische Momentaufnahme beschreibt, sondern einen transatlantischen Umbau, der Kosten, Prozesse und Berufsprofile gleichzeitig verändert.
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