Im Karlsruher Rheinhafen läuft seit Juli 2026 der Abriss der gescheiterten Müllverwertungsanlage Thermoselect. Das einstige Vorzeigeprojekt verursachte rund 400 Millionen Euro Verlust und steht seit 2004 still. Technische Störungen, nicht dauerhaft eingehaltene Abgaswerte und wirtschaftliche Probleme führten zum Aus. Jetzt lässt der Energiekonzern EnBW die Industrieruine beseitigen. Bis Mai 2027 sollen mehr als 55.000 Tonnen Beton und Stahl verschwinden. Anschließend soll die Fläche einem möglichen neuen Gaskraftwerksprojekt dienen.

Bild: Kucharek, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
Millionenverlust nach nur fünf Jahren Betrieb
Die Geschichte der Anlage begann mit großen wirtschaftlichen und politischen Erwartungen. Ende der 1990er-Jahre sollte Karlsruhe zum Vorreiter einer neuartigen Müllverwertung werden. Das Verfahren versprach eine besonders umweltfreundliche Behandlung von Haus- und Gewerbemüll. Außerdem sollte die Anlage wertvolle Energie und wiederverwendbare Materialien liefern. Tatsächlich entwickelte sich das Projekt jedoch zu einer der teuersten Fehlinvestitionen der regionalen Energieversorgung.
Allein die Errichtung kostete rund 144 Millionen Euro. Die Anlage sollte jährlich mehr als 200.000 Tonnen Müll verarbeiten und dadurch ein langfristig profitables Geschäft ermöglichen. Doch bereits während der Bauphase traten Verzögerungen auf. Nach der Inbetriebnahme 1999 häuften sich technische Schwierigkeiten. Schließlich beendete EnBW das Projekt 2004, nachdem sich Verluste von rund 400 Millionen Euro angesammelt hatten.
Thermoselect scheiterte an technischen und wirtschaftlichen Problemen
Das Verfahren beruhte auf einer thermischen Behandlung von Abfällen bei hohen Temperaturen. Dabei sollte aus dem Müll unter anderem ein brennbares Gas entstehen. Dieses Gas sollte anschließend Strom und Wärme liefern. Außerdem war vorgesehen, mineralische Rückstände als Granulat beispielsweise im Straßenbau zu verwerten. Die Technologie versprach damit eine umfassendere Nutzung der Abfälle als herkömmliche Verbrennungsverfahren.
In der Praxis erfüllte die Anlage diese Erwartungen jedoch nicht. Zu den Problemen gehörten undichte Wasserbecken und die Explosion einer Pumpe. Außerdem berichteten Anwohner über Verschmutzungen an Fahrzeugen im Umfeld des Rheinhafens. Die vorgesehenen Abgaswerte ließen sich nicht dauerhaft einhalten. Einen stabilen Betrieb unter voller Auslastung erreichte die Anlage nie. Hinzu kam ein rückläufiges Müllaufkommen, das die wirtschaftliche Grundlage weiter verschlechterte.
Warnungen der Fachleute blieben ohne ausreichende Konsequenzen
Bereits vor dem Bau hatten Fachleute der Karlsruher Abfallverwaltung erhebliche Zweifel an der Technologie geäußert. Dennoch unterstützten zahlreiche Politiker und Verantwortliche das ambitionierte Vorhaben. Eine Demonstrationsanlage am italienischen Lago Maggiore sollte die Leistungsfähigkeit des Verfahrens belegen. Dorthin reisten auch Unternehmer und Kommunalpolitiker, um sich von den Möglichkeiten der Technik zu überzeugen. Doch der Betrieb einer kleinen Versuchsanlage ließ sich offenbar nicht erfolgreich auf den industriellen Maßstab übertragen.
Der frühere Karlsruher Stadtrat und Umweltaktivist Harry Block kritisiert rückblickend den Umgang mit den damaligen Warnungen. Nach seiner Darstellung erhielten politische Erwartungen mehr Gewicht als technische Einwände. Der Fall zeigt deshalb auch ein grundlegendes Problem großer Technologieinvestitionen. Eine funktionierende Demonstration liefert noch keinen Nachweis für einen wirtschaftlichen Dauerbetrieb. Gerade bei neuen industriellen Verfahren können technische Schwierigkeiten die ursprünglich kalkulierten Kosten erheblich verändern.
Abriss kostet weitere Millionen Euro
Mehr als zwei Jahrzehnte nach der Stilllegung verschwindet die Thermoselect-Anlage nun endgültig aus dem Karlsruher Rheinhafen. Seit Ende Juli zerlegen schwere Maschinen das Gebäude und seine technischen Einrichtungen. Besonders anspruchsvoll gestaltet sich der Rückbau der großen Hochtemperaturreaktoren. Insgesamt müssen mehr als 50.000 Tonnen Beton sowie 5.000 bis 6.000 Tonnen Stahl entfernt werden. Auch die Fundamente sollen vollständig verschwinden.
EnBW rechnet für den Abriss mit Kosten im niedrigen einstelligen Millionenbereich. Damit kommen zu den historischen Verlusten weitere Ausgaben hinzu. Allerdings betrifft die Summe ausschließlich den aktuellen Rückbau und nicht die gesamte wirtschaftliche Bilanz des Projekts. Nach Unternehmensangaben verlaufen die bisherigen Arbeiten planmäßig. Bis Mai 2027 soll das Gelände vollständig geräumt sein.
Auf der Fläche entsteht Platz für ein neues Kraftwerksprojekt
Die ehemalige Müllverwertungsanlage liegt zwischen zwei Hafenbecken in unmittelbarer Nähe des Rheinhafen-Dampfkraftwerks. Nach dem Abriss möchte EnBW das Grundstück als Lager- und Logistikfläche nutzen. Hintergrund ist die geplante Weiterentwicklung des Kraftwerksstandorts. Dort prüft der Konzern den Bau einer neuen Gas- und Dampfturbinenanlage mit rund 850 Megawatt elektrischer Leistung. Zusätzlich könnte das Kraftwerk etwa 220 Megawatt Fernwärme bereitstellen.
Das Projekt RDK 9 soll zunächst Erdgas einsetzen und später auf Wasserstoff umgestellt werden können. Allerdings hängt seine Verwirklichung von Genehmigungen und wirtschaftlichen Voraussetzungen ab. Insbesondere benötigt EnBW einen Zuschlag im bundesweiten Ausschreibungsverfahren für neue Kraftwerkskapazitäten. Eine endgültige Investitionsentscheidung steht deshalb weiterhin aus. Am 15. Oktober informierte das Unternehmen über den aktuellen Planungsstand. Der BUND Karlsruhe organisiert unterdessen Widerstand gegen das geplante Gaskraftwerk und kritisiert dessen fossile Ausrichtung.
Teures Lehrstück über politische Erwartungen und technische Realität
Der Rückbau beendet ein Industrieprojekt, das ursprünglich als technologischer Durchbruch und lukratives Entsorgungsgeschäft galt. Statt dauerhaft Müll zu verwerten, arbeitete die Anlage jedoch nur wenige Jahre im Probebetrieb. Danach blieb eine aufwendig errichtete Industrieanlage über zwei Jahrzehnte ungenutzt. Die wirtschaftlichen Verluste waren bereits entstanden, bevor der heutige Abriss überhaupt begann.
Der Fall verdeutlicht, wie teuer unausgereifte Großtechnologien werden können, wenn politische Erwartungen und industrielle Realität auseinanderfallen. Deshalb sind belastbare Praxistests, nachvollziehbare Wirtschaftlichkeitsrechnungen und unabhängige technische Prüfungen entscheidend. Das gilt besonders für Projekte, die langfristige Energie- und Entsorgungsinfrastruktur schaffen sollen. In Karlsruhe endet das damalige Zukunftsversprechen mit dem Abriss. Die wirtschaftlichen Folgen lassen sich dadurch nicht rückgängig machen.
Verfasser: Blackout News
Verwendete Quellen: SWR (27.10.26) – Bund (24.10.26)
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