Warschau/Brüssel – Polens Wirtschaftswachstum hat sich im zweiten Quartal 2026 erneut beschleunigt. Nach am 13. August veröffentlichten vorläufigen Daten stieg das reale BIP um 3,8 Prozent zum Vorjahr. Bereits 2025 erreichte Polen nominal 922,9 Milliarden Euro und damit Rang sechs innerhalb der Europäischen Union. Dahinter stehen vor allem Konsum, Investitionen, Industrie und der Zufluss europäischer Fördermittel. Außerdem stärken ausländische Unternehmen die industrielle Basis mit neuen Werken und Produktionsverlagerungen. Der entscheidende Schwachpunkt bleibt jedoch der Staatshaushalt. Die EU-Kommission erwartet 2026 ein Defizit von 6,5 Prozent des BIP und eine weiter steigende Schuldenquote. Für Polen bedeutet der Aufstieg mehr wirtschaftliches Gewicht, obwohl der Wohlstand je Einwohner weiter unter dem EU-Durchschnitt liegt.
Polens Wirtschaftswachstum verschiebt die Gewichte in der EU
Nur Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien und die Niederlande erwirtschafteten 2025 innerhalb der EU ein höheres nominales BIP. Polen lag damit klar vor Belgien, Schweden, Irland und Österreich. Beim Vergleich mit der Schweiz ist jedoch Präzision nötig. Der jüngste Eurostat-Datensatz weist für die Schweiz 925,9 Milliarden Euro aus. Polen lag mit 922,9 Milliarden Euro knapp dahinter. Die Schweiz gehört allerdings nicht zur EU, weshalb Polens sechster Platz innerhalb der Union davon unberührt bleibt.

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Die Dynamik reicht zudem weit über einen Rangwechsel hinaus. Polens Wirtschaft wuchs 2025 real um 3,6 Prozent und legte im ersten Quartal 2026 weitere 3,5 Prozent zu. Damals stieg die Binnennachfrage um 3,7 Prozent, während der private Konsum um 3,3 Prozent wuchs. Die Bruttoanlageinvestitionen erhöhten sich zugleich um 2,4 Prozent. Polens Wirtschaftswachstum gewann im zweiten Quartal mit 3,8 Prozent nochmals Tempo. Der Außenhandel liefert jedoch ein gemischtes Bild. Von Januar bis Juni stiegen die Exporte um 4,6 Prozent, die Importe aber um 5,1 Prozent. Dadurch entstand ein Handelsdefizit von 15,7 Milliarden Złoty. Für das Gesamtjahr erwartet die EU-Kommission dennoch 3,5 Prozent Wachstum.
Deutsche Investitionen verstärken den industriellen Aufstieg
Auch als Investitionsstandort gewinnt Polen deutlich an Zugkraft. In der AHK-Konjunkturumfrage 2026 erreichte das Land Rang zwei unter 14 Standorten Mittel- und Osteuropas. Für 81 Prozent der befragten deutschen Unternehmen zählt das Wachstumspotenzial zu den wichtigsten Investitionsgründen. Außerdem würden sich 94,5 Prozent der deutschen Investoren erneut für Polen entscheiden. Mehr als ein Drittel will seine Investitionen dort wegen geopolitischer Veränderungen ausweiten. Gute Infrastruktur, ein dichtes Lieferantennetz und die Nähe zu Deutschland verstärken diesen Trend.
Besonders sichtbar wird die Entwicklung bei Miele und MAN. Miele vereinbarte die Verlagerung weiterer Teile der Waschmaschinenproduktion von Gütersloh ins polnische Ksawerów. Bis zu 700 Arbeitsplätze in Gütersloh hängen nach Unternehmensangaben mit dieser Verlagerung zusammen. MAN wiederum will sein Werk in Niepołomice bei Krakau bis 2038 mit rund 1,2 Milliarden Euro erweitern. Bis 2030 sollen dort zusätzliche Fertigungsschritte für die nächste Lkw-Generation entstehen. Zugleich warnt die IG Metall vor geplanten Verlagerungen aus München nach Polen. Die Gewerkschaft sieht dadurch langfristig bis zu 2.000 Stellen in München gefährdet. Solche Entscheidungen erhöhen die industrielle Wertschöpfung in Polen, doch ihr Anteil am aktuellen BIP-Zuwachs lässt sich nicht isoliert beziffern.
Hohe Defizite bleiben die Kehrseite des Aufstiegs
Der wirtschaftliche Aufstieg hat allerdings eine finanzpolitische Kehrseite. Die EU-Kommission beziffert das polnische Staatsdefizit für 2025 auf 7,3 Prozent des BIP. Für 2026 erwartet sie trotz erster Konsolidierung noch 6,5 Prozent. Gleichzeitig soll die Schuldenquote von 59,7 Prozent im Jahr 2025 auf 64,5 Prozent steigen. Bis 2027 könnten daraus bereits 68,3 Prozent werden. Außerdem prognostiziert die Kommission für 2026 eine Inflation von 3,6 Prozent. Ein Teil des kräftigen Wachstums trifft damit auf einen Staat mit schnell steigender Verschuldung.
Auch beim Wohlstand bleibt deshalb ein Abstand zu den führenden EU-Staaten. Kaufkraftbereinigt lag Polens BIP je Einwohner 2025 nach Eurostat noch rund zehn bis 20 Prozent unter dem EU-Durchschnitt. Die Größe der Gesamtwirtschaft darf daher nicht mit dem Lebensstandard jedes Haushalts gleichgesetzt werden. Dennoch verändert der Aufholprozess die industrielle Landkarte Europas. Polens Wirtschaftswachstum speist sich aus Binnennachfrage, EU-Mitteln, Investitionen und einer breiter werdenden industriellen Basis. Deutsche Produktionsverlagerungen sind ein sichtbarer Teil dieser Entwicklung, aber keineswegs ihre alleinige Ursache. Gerade diese Mischung erklärt, warum Polen wirtschaftlich schneller an Gewicht gewinnt als viele ältere EU-Mitglieder.
Verfasser: Blackout News
Verwendete Quellen: Bankier (13.08.26) – Eurostat (11.08.26) – EuroNews (10.08.26)
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