Führende deutsche Industriekonzerne verlieren das Vertrauen in die Bundesregierung und wollen ihre Rohstoffversorgung künftig stärker selbst organisieren. Seit Jahren warnen Unternehmen vor gefährlichen Rohstoffabhängigkeiten und fordern wirksame staatliche Maßnahmen. Doch nach Einschätzung beteiligter Industriekreise handelt die Politik zu langsam und unzureichend. Deshalb bereiten mehrere Konzerne unter maßgeblicher Beteiligung von BMW das gemeinsame „Zukunftsmodell Rohstoffe“ vor. Die Initiative soll Ende November vorgestellt werden. Hintergrund sind Chinas Exportbeschränkungen, geopolitische Konflikte und steigende Energiekosten. Ohne sichere Rohstofflieferungen drohen der Automobilindustrie, dem Maschinenbau und weiteren Industriezweigen zusätzliche Produktionsprobleme.

Bild: Shutterstock
Industrie warnt seit Jahren – doch die Bundesregierung liefert keine ausreichenden Lösungen
Die Kritik der Unternehmen ist keineswegs neu. Bereits im Oktober 2025 beanstandete BMW die „mangelnde Handlungsfähigkeit Deutschlands im globalen Rohstoffwettbewerb“. Im Februar 2026 erklärte auch der Verband der Automobilindustrie gegenüber dem Wirtschaftsministerium, dass die bisherigen Instrumente langfristig nicht ausreichen. Trotz dieser Warnungen fehlen nach Einschätzung beteiligter Industriekreise weiterhin entscheidende Voraussetzungen für eine verlässliche Rohstoffsicherung.
Besonders das Bundeswirtschaftsministerium unter Katherina Reiche steht dabei in der Kritik. Die Unternehmen befürchten, dass die Bundesregierung wichtige Lieferketten nicht rechtzeitig absichern kann. Der staatliche Rohstofffonds kam bereits unter der Ampelregierung erst nach langwierigen Auseinandersetzungen zustande. Auch der Regierung Merz werfen beteiligte Industriekreise unzureichende Antworten auf die jüngsten Verwerfungen an den Energie- und Rohstoffmärkten vor. Deshalb soll die Industrie nun selbst konkrete Beschaffungsstrukturen entwickeln.
Vertrauensverlust gegenüber der Bundesregierung erreicht große Teile der Wirtschaft
Wie weit die Unzufriedenheit reicht, zeigt eine aktuelle Untersuchung der Universität Mannheim. Im Oktober waren lediglich 13 Prozent der befragten Unternehmensvertreter mit der Wirtschaftspolitik zufrieden oder standen ihr neutral gegenüber. Im Juni 2025 betrug dieser Anteil noch 32 Prozent. Zugleich berichten besonders unzufriedene Unternehmen häufiger von rückläufigen Gewinnen und Investitionen. Die Kritik reicht damit deutlich über die beteiligten Rohstoffunternehmen hinaus.
Für viele Industriebetriebe geht es inzwischen um ihre wirtschaftliche Existenz. Zwischen Februar 2022 und März 2026 sank die deutsche Industrieproduktion um 9,5 Prozent. In energieintensiven Branchen betrug der Rückgang sogar 15,2 Prozent. Gleichzeitig verteuern hohe Energiepreise die Fertigung, während internationale Konkurrenten teilweise günstigere Produktionsbedingungen vorfinden. Fehlende Rohstoffe könnten die ohnehin angespannte Lage weiter verschärfen.
Konzerne wollen Rohstoffversorgung selbst absichern
Die Unternehmen wollen deshalb erstmals seit 2012 wieder eine branchenübergreifende Rohstoffinitiative aufbauen. Unter dem Namen „Zukunftsmodell Rohstoffe“ prüfen sie eine gemeinsame Beschaffungsorganisation. BMW spielt dabei eine führende Rolle und hat bereits einen internen Rohstoffbeauftragten ernannt. Anders als bei der gescheiterten Rohstoffallianz von 2012 soll diesmal ein tragfähiges Modell mit konkreten operativen Strukturen entstehen.
Im Mittelpunkt stehen ein gemeinsames Rohstoffhandelshaus und eine leistungsfähigere staatliche Rohstoffagentur. Das Handelshaus könnte die Nachfrage mehrerer Industriezweige bündeln und langfristige Lieferverträge abschließen. Außerdem sollen internationale Rohstoffprojekte besser finanziert und gegen Preisschwankungen abgesichert werden. Eine Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen bleibt Bestandteil des Konzepts. Die Industrie will jedoch eigene operative Fähigkeiten schaffen, statt ausschließlich auf politische Programme zu setzen.
China kontrolliert entscheidende Rohstoffe – Deutschland bleibt abhängig
Besonders kritisch ist die Abhängigkeit von chinesischen Lieferanten. China kontrolliert rund 93 Prozent der weltweiten Weiterverarbeitung Seltener Erden. Diese Materialien benötigen Unternehmen für Elektromotoren, Elektronik, Maschinen und militärische Ausrüstung. Peking nutzt Exportkontrollen zunehmend als wirtschaftspolitisches Instrument. Deshalb können politische Entscheidungen in China unmittelbar die Produktion deutscher Industriebetriebe beeinträchtigen.
Auch andere Versorgungsrisiken verschärfen die Situation. Mehr als 40 Prozent der von der Deutschen Rohstoffagentur untersuchten Rohstoffprodukte gelten als hochriskant. Hinzu kommen die Abkopplung von Russland und die wirtschaftlichen Folgen des Iran-Kriegs. Höhere Öl- und Gaspreise belasten Transport und Produktion zusätzlich. Für Unternehmen entstehen damit mehrere Probleme gleichzeitig, während die notwendigen alternativen Lieferketten nur langsam wachsen.
Bundesregierung kündigt neue Partnerschaften an – Konzerne wollen Ergebnisse
Die Bundesregierung hat zwar Maßnahmen zur Rohstoffsicherung eingeleitet. Am 28. Oktober vereinbarte Wirtschaftsministerin Reiche eine engere Rohstoffpartnerschaft mit Japan. Geplant sind gemeinsame Investitionen, Finanzierungen und langfristige Abnahmevereinbarungen. Außerdem erhielten Anfang Oktober acht deutsche Rohstoffprojekte einen strategischen Status der Europäischen Union. Allerdings führen solche Vereinbarungen und Genehmigungserleichterungen nicht automatisch zu kurzfristig verfügbaren Liefermengen.
Genau darin liegt der zentrale Konflikt zwischen Politik und Industrie. Die Unternehmen benötigen verlässliche Rohstofflieferungen für ihre laufende Produktion, während neue Förder- und Verarbeitungsprojekte oft Jahre benötigen. Am 25. November findet in Berlin der erste Resilienzkongress des Bundesverbandes der Deutschen Industrie statt. Das neue Zukunftsmodell soll Ende November in diesem Umfeld vorgestellt werden. Welche Unternehmen sich verbindlich beteiligen und wie die Finanzierung aussieht, ist bislang offen. Bereits die Initiative verdeutlicht jedoch den Vertrauensverlust: Führende Industriekonzerne halten die staatliche Rohstoffsicherung für unzureichend und wollen die praktische Umsetzung zunehmend selbst vorantreiben.
Verfasser: Blackout News
Verwendete Quellen: Berliner Zeitung (01.11.26) – Ostdeutsche Allgemeine (01.11.26) –
Lesen Sie auch:
- Metallindustrie in historischer Krise – Hilferufe an die Regierung verhallen
- Gewinnmarge von Mercedes’ Autosparte im dritten Quartal fast halbiert
- Volvo stürzt tief in die Verlustzone – 5.500 Stellen fallen weg
- Offshore-Industrie vor Jobkrise – bis zu 23.000 Arbeitsplätze gefährdet
