Im österreichischen Kundl kämpft Europas letzte vollständig integrierte Penicillin-Fabrik im Oktober 2026 um ihre wirtschaftliche Zukunft. Der Pharmakonzern Sandoz kann mit den deutlich günstigeren Herstellern aus China kaum noch konkurrieren. Hohe Energiepreise und niedrige Verkaufspreise verschärfen die Lage. Eine Schließung würde Europas Abhängigkeit von asiatischen Antibiotika-Lieferanten erheblich erhöhen. Mehr als 2.000 Beschäftigte arbeiten am Standort. Gleichzeitig könnte die Versorgung mit lebenswichtigen Antibiotika bei internationalen Handelskonflikten gefährdet werden. Eine Schließung ist bislang jedoch nicht beschlossen.

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Penicillin aus China verdrängt europäische Hersteller
China beherrscht inzwischen einen Großteil des europäischen Marktes für Penicillin-Wirkstoffe. Nach Eurostat-Daten stieg der chinesische Anteil an den entsprechenden EU-Importen von 44 Prozent im Jahr 2019 auf 86 Prozent im Jahr 2025. Gleichzeitig schrumpften Europas Exporte auf weniger als ein Fünftel ihres früheren Höchststands. Damit verliert Europa zunehmend die Fähigkeit, wichtige Antibiotika unabhängig von ausländischen Lieferketten herzustellen.
Besonders problematisch ist die Bedeutung dieser Medikamente für die medizinische Grundversorgung. In Europa kommen jährlich rund 1,5 Milliarden Tagesdosen von Penicillinen zum Einsatz. Ärzte benötigen die Antibiotika unter anderem zur Behandlung schwerer bakterieller Infektionen. Dennoch berücksichtigen staatliche Beschaffungsverfahren häufig vor allem den niedrigsten Preis. Die langfristige Versorgungssicherheit spielt dabei nach Darstellung von Sandoz eine zu geringe Rolle.
Hohe Strompreise machen europäische Produktion unrentabel
Ein wesentlicher Wettbewerbsnachteil entsteht durch die energieintensive Herstellung der Antibiotika. Im Werk Kundl produzieren große Fermentationsanlagen zunächst die biologischen Ausgangsstoffe. Anschließend verarbeitet Sandoz diese zu pharmazeutischen Wirkstoffen. Nach Angaben der Standortleitung benötigt die Fabrik dafür ungefähr so viel Strom wie die österreichische Stadt Innsbruck. Gleichzeitig lagen die industriellen Strompreise in der EU 2025 laut Internationaler Energieagentur durchschnittlich fast 50 Prozent über dem chinesischen Niveau.
Während die europäischen Produktionskosten steigen, stagnieren die Verkaufspreise für Penicillin oder sinken sogar. Chinesische Hersteller profitieren dagegen von niedrigeren Arbeitskosten und günstigeren industriellen Rahmenbedingungen. Hinzu kommen nach Einschätzung von Branchenexperten staatliche Förderungen sowie teilweise geringere Umweltauflagen. Europäische Hersteller müssen deshalb höhere Betriebskosten finanzieren, während ihre internationalen Wettbewerber dieselben Wirkstoffe erheblich günstiger anbieten können.
Millionenförderung verhindert wirtschaftliche Probleme nicht
Erst 2023 investierte Sandoz rund 200 Millionen Euro in den Ausbau des Standorts Kundl. Davon stammten insgesamt 50 Millionen Euro aus öffentlichen Mitteln. Allein die Europäische Kommission genehmigte 28,3 Millionen Euro an Unterstützung. Dadurch konnte das Unternehmen seine Produktionskapazität um 20 Prozent erhöhen. Dennoch reichen diese Investitionen offenbar nicht aus, um die wirtschaftlichen Nachteile dauerhaft auszugleichen.
Die damalige Förderung sollte Europas Arzneimittelversorgung stabilisieren. Schließlich hatten Engpässe bei Amoxicillin bereits 2022 erhebliche Schwächen der Lieferketten offengelegt. Gerade während einer Welle von Atemwegserkrankungen fehlte dieses häufig benötigte Antibiotikum. Die EU finanzierte deshalb zusätzliche Produktionskapazitäten, während ihre Beschaffungspolitik weiterhin günstige Importware begünstigte. Damit besteht die Gefahr, dass öffentlich geförderte Industrieanlagen trotz moderner Technik wirtschaftlich nicht überleben.
Sandoz fordert Schutz vor chinesischen Billigimporten
Im März 2026 reichte Sandoz bei der Europäischen Kommission eine Antidumping-Beschwerde ein. Das Unternehmen wirft chinesischen Herstellern vor, Amoxicillin-Wirkstoffe unterhalb ihrer Produktionskosten auf dem europäischen Markt anzubieten. Eine Untersuchung könnte deshalb zu zusätzlichen Einfuhrzöllen führen. Allerdings steht eine Entscheidung weiterhin aus, während die chinesische Regierung die Vorwürfe zurückweist und auf die Einhaltung internationaler Handelsregeln verweist.
Die Entwicklung hat inzwischen auch die österreichische Politik erreicht. Tirols Landeshauptmann Anton Mattle fordert ein entschlosseneres Eingreifen der EU. Doch mögliche Strafzölle lösen die strukturellen Nachteile europäischer Hersteller nicht automatisch. Solange hohe Energie- und Produktionskosten mit einer nahezu ausschließlich preisorientierten Beschaffung zusammentreffen, bleibt die industrielle Arzneimittelversorgung gefährdet. Europa riskiert damit den Verlust seiner letzten vollständigen Penicillin-Produktionskette. Ein späterer Wiederaufbau wäre deutlich aufwendiger als der Erhalt der vorhandenen Anlagen.
Verfasser: Blackout News
Verwendete Quellen: Der Standard (24.10.26) – Ntv (24.10.26) – Heute (24.10.26)
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