Böhlen/Schkopau – Ende Juli 2026 verdichtet sich die Chemiekrise in Mitteldeutschland zu einem konkreten Industrieabbau. Dow will den Ethylen-Cracker in Böhlen sowie Chlor-Alkali- und Vinyl-Anlagen in Schkopau im vierten Quartal 2027 schließen. Hohe Energie-, Rohstoff- und CO2-Kosten treffen auf schwache Nachfrage und preisgünstige Importe aus China. Die Entscheidung betrifft rund 550 reguläre Stellen. Zugleich verliert der regionale Chemieverbund einen zentralen Lieferanten für wichtige Grundstoffe und muss seine Versorgung neu ordnen.
Chemiekrise trifft den mitteldeutschen Stoffverbund
Der Cracker erhitzt Rohbenzin auf mehr als 800 Grad und erzeugt Ethylen, Propylen sowie Aromaten. Diese Stoffe fließen bisher durch eng verknüpfte Produktionsketten in Sachsen und Sachsen-Anhalt. Deshalb reicht die Stilllegung weit über das Dow-Werk und die unmittelbar betroffenen Arbeitsplätze hinaus. Außerdem drohen nachgelagerten Betrieben zusätzliche Kosten für Rohstoffe, Transport und Lagerung.

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Eine Fraunhofer-Studie hält eine vollständige Umstellung auf nachhaltige Rohstoffe bei unveränderten Strukturen für unrealistisch. Stattdessen untersuchten die Forscher alternative Einsatzstoffe, methanolbasierte Prozesse und biotechnologische Verfahren. Alle Wege verlangen jedoch massive Investitionen in Netze für Wasserstoff, CO₂, Biomasse und erneuerbare Energie. Der Zeitplan bleibt knapp, denn Dow will den Cracker bereits Ende 2027 abschalten.
Chinas Überkapazitäten verschärfen den Preiskampf
Deutsche Chemieexporte nach China sanken 2025 um zehn Prozent, während die Importe aus China um knapp sechs Prozent stiegen. Die EU kaufte dort Chemieprodukte für fast 55 Milliarden Euro. Das waren rund 23 Prozent mehr als 2024. Deshalb wuchs das europäische Handelsdefizit mit China von 9,2 auf 22,5 Milliarden Euro. Chinesische Überkapazitäten verschärfen damit den Preiswettbewerb auf dem europäischen Markt.
Seit 2022 kündigten Unternehmen in Europa die Schließung von mindestens 37 Millionen Tonnen Chemiekapazität an. Das entspricht rund neun Prozent der europäischen Produktionsbasis. Zugleich gingen etwa 20.000 direkte Stellen verloren, während weitere 89.000 Arbeitsplätze in Lieferketten gefährdet sind. Die Chemiekrise erfasst deshalb längst nicht mehr nur einzelne ältere Anlagen. Neue Investitionen gleichen den Verlust kaum aus.
Deutschlands Chemie verliert Investitionen und Kapazitäten
Im ersten Halbjahr 2026 sank die deutsche Chemie- und Pharmaproduktion um rund drei Prozent. Der Branchenumsatz fiel um ein Prozent auf 106 Milliarden Euro, während die Investitionen im dritten Jahr nacheinander zurückgingen. Der VCI erwartet für das Gesamtjahr einen weiteren Produktionsrückgang von 1,5 Prozent. Die Chemiekrise zeigt sich deshalb nicht nur bei Aufträgen, sondern zunehmend beim dauerhaften Abbau industrieller Substanz.
Die deutschen Sachanlageinvestitionen der Branche liegen inzwischen rund 15 Prozent unter dem Niveau von 2023. Außerdem sehen mehr als 80 Prozent der VCI-Unternehmen die Gefahr einer Deindustrialisierung politisch nicht ausreichend berücksichtigt. Hohe Energiepreise, Bürokratie und langsame Genehmigungen bremsen neue Projekte. Deshalb fehlen bislang Investitionen, die geschlossene Anlagen und verlorene Kapazitäten ersetzen könnten.
Verfasser: Blackout News
Verwendete Quellen: Welt (30.07.26) – EUWID (29.07.26) – MDR (06.06.26) – VCI (16.07.26)
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