Brüssel – Die EU-Kommission hat erstmals offiziell eingeräumt, dass Windkraftanlagen Kunststoffpartikel emittieren und dieser Abrieb unkontrolliert in die Umwelt gelangt. Anlass war eine Anfrage des österreichischen EU-Abgeordneten Gerald Hauser. Er hatte auf eine Schätzung von bis zu 62 Kilogramm Mikroplastik je Windrad und Jahr verwiesen. Diese Größenordnung übernimmt die Kommission zwar nicht. Den Kunststoffabrieb selbst bestätigt sie jedoch ausdrücklich und verweist dazu auf wissenschaftliche Untersuchungen. Damit erhält eine bislang wenig beachtete Umweltbelastung ausgerechnet bei einer Stromerzeugung offizielle Bestätigung, die politisch als besonders umweltschonend gilt.
Mikroplastik aus Windrädern ist damit kein theoretisches Problem mehr
Die entscheidende Passage der Kommissionsantwort ist ungewöhnlich eindeutig. Dort heißt es: „Aus Untersuchungen ergibt sich, dass die Kunststoffemissionen von Windkraftanlagen viel geringer sind als diejenigen aus anderen Quellen“. Damit diskutiert Brüssel nicht mehr darüber, ob Windräder Kunststoff freisetzen. Die Kommission relativiert vielmehr nur noch die Menge im Vergleich mit Reifen, Farben oder Textilien.

Symbolbild: KI-generiert
Gerade dieser Punkt verändert die umweltpolitische Einordnung. Windkraftanlagen stoßen im Betrieb keine Verbrennungsabgase wie Kohle- oder Gaskraftwerke aus. Dennoch sind sie deshalb keine emissionsfreien Industrieanlagen. Regen, Hagel und Schmutz treffen mit hoher Geschwindigkeit auf die beschichteten Rotorblätter. Dadurch erodieren insbesondere die Vorderkanten, während Kunststoffmaterial aus den Schutzschichten verloren geht.
62 Kilogramm bleiben umstritten – der Abrieb dagegen nicht
Die von Hauser angeführten 62 Kilogramm pro Anlage stammen aus einer norwegischen Hochrechnung. Diese Zahl bestätigt die Kommission nicht ausdrücklich. Allerdings verwirft sie die grundsätzliche Freisetzung ebenfalls nicht, sondern verweist auf andere Studien mit niedrigeren Werten. Eine DTU-Arbeit von 2026 kommt unter ungünstigen Bedingungen auf bis zu 340 Gramm Mikroplastik je Rotorblatt und Jahr. Bei drei Rotorblättern wären das rechnerisch rund ein Kilogramm pro Anlage.
Andere Berechnungen liefern wiederum abweichende Ergebnisse. Eine 2024 veröffentlichte DTU-Studie ermittelte für Offshore-Anlagen zwischen 80 und 1.000 Gramm Kunststoffverlust je Blatt und Jahr. TNO berechnete 2025 dagegen rund 240 Gramm jährlich für eine moderne 15-Megawatt-Offshore-Anlage. Deshalb ist die genaue Größenordnung weiterhin unsicher. Dass Kunststoff von den Rotorblättern abgetragen wird, bestreiten diese Arbeiten jedoch nicht.
Selbst Wartungsarbeiten setzen zusätzliche Kunststoffpartikel frei
Hinzu kommt ein zweiter Emissionsweg. Bei Reparaturen schleifen Techniker beschädigte Oberflächen ab und bearbeiten Verbundwerkstoffe. Eine Studie der Technischen Universität Dänemark beziffert die dadurch entstehenden Kunststoffemissionen auf 40 bis 160 Gramm je Blatt und Jahr an Land. Offshore reichen die Berechnungen sogar von 90 bis 600 Gramm. Damit entsteht Mikroplastik nicht nur durch Wettererosion, sondern auch während der Instandhaltung.
Bemerkenswert ist deshalb, dass die EU inzwischen selbst umfangreichere Untersuchungen verlangt. Ein Horizon-Europe-Programm fordert Feldmessungen zu Umweltbelastungen von Offshore-Windparks während Betrieb, Wartung und Rückbau. Die Ausschreibung nennt ausdrücklich auch die Produktion von Kunststoffpartikeln bei einer hohen Zahl von Windkraftanlagen. Zudem sollen mögliche kumulative Folgen des massiven Offshore-Ausbaus untersucht werden. Damit räumt die EU zugleich ein, dass wichtige Teile der Umweltbilanz noch nicht abschließend erfasst sind.
Die Konsequenz daraus ist nicht, Windkraft pauschal mit Kohle oder Gas gleichzusetzen. Konventionelle Kraftwerke verursachen durch ihre Brennstoffe erhebliche zusätzliche Emissionen. Allerdings greift auch die politische Darstellung der Windkraft als praktisch „saubere“ Stromquelle zu kurz. Bei fossilen Kraftwerken stehen Schadstoffausstoß, Filtertechnik und Grenzwerte seit Jahrzehnten im Mittelpunkt der Regulierung. Bei Windrädern beginnt die systematische Betrachtung solcher stofflichen Emissionen dagegen erst vergleichsweise spät. Das offizielle Eingeständnis der Kommission macht diese Lücke nun sichtbar.
Verfasser: Blackout News
Verwendete Quellen: OTS (31.08.26) – Politique Pappers (12.08.26) – TKP (31.08.26)
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