Ein Kommentar unseres Autors Klaus Bastian:
Im niedersächsischen Bothel hat der Gemeinderat im Oktober 2026 einstimmig beschlossen, künftige Einnahmen aus der Windkraft gemeinsam mit Nachbarkommunen zu organisieren. Außerdem will die Gemeinde eine Beteiligung an Windenergieprojekten prüfen. Hintergrund sind mögliche zusätzliche Einnahmen für die knappen kommunalen Haushalte. Auch andere Gemeinden erwarten Hunderttausende Euro aus Windparks auf eigenen Grundstücken. Dafür kommen teilweise sogar Waldflächen infrage, obwohl der Anlagenbau Rodungen und neue Zufahrtswege erfordert. Damit stehen mögliche Einnahmen einem Eingriff in Natur und Landschaft gegenüber.

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Wenn die Gemeindekasse wichtiger wird als die Landschaft
Der Beschluss aus Bothel zeigt, welche Bedeutung die finanziellen Erwartungen inzwischen besitzen. Im Gemeinderat ging es um die gemeinsame Verteilung künftiger Einnahmen und mögliche Investitionen. Der stellvertretende Bürgermeister Sascha Murso erklärte: „Wenn wir alle überleben wollen, sollten wir uns zusammenschließen.“ Über konkrete Rodungen entschied das Gremium dabei nicht. Dennoch steht die finanzielle Perspektive deutlich im Mittelpunkt der kommunalen Überlegungen.
Genau diese Entwicklung verdient eine kritische Betrachtung. Denn Gemeinden können mit Windkraftanlagen über Jahrzehnte erhebliche Einnahmen erzielen. Besonders lukrativ ist die Verpachtung eigener Grundstücke. Während der Betreiber die Anlagen errichtet, erhält der Grundstückseigentümer regelmäßige Zahlungen. Damit entsteht ein finanzieller Anreiz, zusätzliche Flächen bereitzustellen. Aus einem kommunalen Waldgrundstück kann so eine Einnahmequelle werden, die jährlich sechsstellige Beträge verspricht.
Windkraft macht Gemeindewald zum lukrativen Geschäft
Wie stark finanzielle Interessen die Entscheidung über kommunale Waldflächen beeinflussen können, zeigt Bruchsal in Baden-Württemberg. Die Stadt erwartete aus dem geplanten Windpark jährlich rund eine Million Euro an Einnahmen. Dafür sollten vier Windräder auf städtischen Waldflächen entstehen. Obwohl eine Bürgerinitiative dagegen einen Bürgerentscheid erwirkte, unterstützte die Mehrheit des Gemeinderats das Projekt. Die CDU-Fraktion erklärte dazu ausdrücklich: „Wir können uns einen Verzicht auf ca. 1 Million Euro pro Jahr nicht leisten.“ Damit wurde der finanzielle Nutzen zu einem offen benannten Argument für die Nutzung des Stadtwaldes. Allerdings zog sich der ursprünglich vorgesehene Projektierer kurz vor dem Bürgerentscheid zurück. Die erhofften Einnahmen waren somit weiterhin ungewiss.
Auch Birkenfeld im Enzkreis kalkuliert mit beträchtlichen Summen. Dort könnten sechs Windräder jährlich zwischen 300.000 und 600.000 Euro Pacht einbringen. Die vorgesehenen kommunalen Flächen liegen ebenfalls im Wald. Zudem weist die Gemeinde ausdrücklich darauf hin, dass sie diese Einnahmen für laufende Ausgaben verwenden könnte. Der wirtschaftliche Nutzen ist damit klar beziffert. Der Wert bestehender Lebensräume lässt sich dagegen nicht als vergleichbare Einnahme im Gemeindehaushalt verbuchen.
Für neue Windparks werden bestehende Wälder gerodet
Welche Eingriffe mit solchen Projekten verbunden sein können, zeigt der Windpark Holzheim im bayerischen Weisinger Forst. Dort haben im Oktober 2026 vorbereitende Arbeiten für vier Windkraftanlagen begonnen. Dafür entfernen die Unternehmen zunächst Bäume und Sträucher. Anschließend folgen Zufahrtswege, Baugrundverbesserungen und die Vorbereitung der Fundamente. Zugleich ist eine Beteiligung kommunaler Akteure von insgesamt 25 Prozent vorgesehen. Der wirtschaftliche Nutzen und die Eingriffe in den Wald stehen damit innerhalb desselben Projekts nebeneinander.
Die Folgen beschränken sich jedoch nicht auf die unmittelbaren Anlagenstandorte. Auch Schwertransporte, Montagearbeiten und die dauerhafte Erschließung benötigen Flächen. Zwar können temporär beanspruchte Bereiche später teilweise wiederhergestellt werden. Doch die ursprüngliche Waldstruktur lässt sich nicht kurzfristig ersetzen. Hier liegt der Widerspruch: Einerseits soll die Energiewende dem Umwelt- und Klimaschutz dienen. Andererseits werden für ihre Umsetzung bestehende Naturflächen technisch erschlossen.
Gemeinden nehmen sogar Kredite für künftige Windpark-Gewinne auf
In Üchtelhausen bei Schweinfurt geht das wirtschaftliche Engagement noch weiter. Die Gemeinde beteiligt sich gleichberechtigt an einer Windparkgesellschaft und nimmt dafür 3,5 Millionen Euro Kredit auf. Der erforderliche Nachtragshaushalt erhielt im Oktober die aufsichtsrechtliche Genehmigung. Bürgermeister Johannes Grebner erhofft sich dadurch langfristig solide Einnahmen für die Kommune. Gleichzeitig verweist er auf die unterdurchschnittliche Einnahmesituation der Gemeinde. Damit zeigt sich, welche finanzielle Bedeutung solche Beteiligungen erreichen können.
Auch im Landkreis Gießen sorgt die Höhe möglicher Pachteinnahmen inzwischen für politische Diskussionen. Dort befürchten Bürgermeister erhebliche Verluste durch eine geplante Begrenzung der Windpark-Pachten. Manche Projekte könnten dadurch wirtschaftlich unattraktiv werden. Das verdeutlicht einen entscheidenden Zusammenhang: Nicht allein die Stromerzeugung bestimmt den wirtschaftlichen Nutzen neuer Anlagen. Auch die Höhe der Zahlungen an Grundstückseigentümer und Kommunen spielt eine zentrale Rolle.
Wenn die Gemeinde am Eingriff in die Natur verdient
Bei Freiflächen-Solarparks besteht ein ähnlicher finanzieller Anreiz. Gemeinden können Grundstückspachten, Beteiligungszahlungen und gegebenenfalls Gewerbesteuern erhalten. Allerdings hängt die ökologische Belastung stark vom jeweiligen Standort ab. Eine Anlage auf einer ehemaligen Deponie ist anders zu bewerten als ein Projekt auf bislang unbebauten Naturflächen. Dennoch bleibt die grundsätzliche Interessenkollision bestehen. Die Kommune kann wirtschaftlich profitieren, während sie gleichzeitig öffentliche Interessen bei der Flächennutzung vertreten muss.
Besonders problematisch ist deshalb die Doppelrolle der Gemeinden. Sie verwalten Naturflächen im öffentlichen Interesse und können gleichzeitig erhebliche Einnahmen aus deren wirtschaftlicher Nutzung erzielen. Damit wird jeder zusätzliche Windpark auch zu einer Frage möglicher Haushaltserträge. Dass finanzielle Motive überall ausschlaggebend sind, lässt sich aus den bekannten Fällen nicht nachweisen. Die dokumentierten Pachtbeträge machen den Anreiz jedoch unübersehbar. Klimaschutz rechtfertigt nicht automatisch jeden Eingriff in bestehende Natur. Wenn Gemeinden an solchen Eingriffen verdienen, müssen ihre finanziellen Interessen ebenso kritisch geprüft werden wie die ökologischen Folgen. Sonst droht der Naturschutz dort an Bedeutung zu verlieren, wo mit seiner Einschränkung besonders viel Geld zu verdienen ist.
Verfasser: Klaus Bastian – Blackout News
Verwendete Quellen: Wetterauer Zeitung (24.10.26) – Kreiszeitung (19.10.26) – Gemeinde Üchtelhausen (16.10.26) – Presseportal (15.10.26) – Gemeinde Birkenfeld (Stand: 29.10.26) – SWR (14.12.25)
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