Steuerentlastung: Viel Wind um nichts – Merz fordert Optimismus

ein Kommentar unseres Aurors Klaus Bastian:

Bundeskanzler Friedrich Merz warnte bereits Anfang Juni vor „Pessimismus und Schwarzmalerei über die Zukunft unseres Landes“. Doch die Bürger warten weiterhin auf den großen wirtschaftspolitischen Aufbruch, der ihnen vor und nach der Bundestagswahl versprochen wurde. Die angekündigte Steuerentlastung soll erst 2028 vollständig greifen und fällt erheblich kleiner aus als viele Erwartungen. Nachdem bei Kranken-, Pflege- und Rentenversicherung bereits höhere Beiträge drohen, gerät nun auch die Arbeitslosenversicherung ins Defizit – und auch dort wird inzwischen über eine Beitragserhöhung gesprochen. Auch Unternehmen melden weiterhin hohe Kosten, Bürokratie und schwache Standortbedingungen. Die Regierung fordert von den Bürgern Zuversicht, liefert bisher jedoch nur wenige Gründe dafür.


Viel versprochen – doch beim Bürger kommt wenig an

Vor der Wahl hatte Merz breite Entlastungen angekündigt. Kleine und mittlere Einkommen sollten weniger Steuern zahlen, während sich die Sozialversicherungsbeiträge wieder der Marke von 40 Prozent nähern sollten. Nach der Regierungsbildung blieb das Versprechen einer spürbaren Entlastung bestehen. Doch inzwischen ist daraus eine Steuerentlastung von rund zehn Milliarden Euro geworden, die erst 2028 ihre volle Wirkung erreichen soll. Das ist weit entfernt von dem großen Wurf, den viele Bürger nach den Ankündigungen erwarten konnten.

Der große Wurf verpufft: Die Steuerentlastung wird von Inflation und höheren Sozialbeiträgen aufgezehrt. Vom Aufbruch bleibt wenig
Der große Wurf verpufft: Die Steuerentlastung wird von Inflation und höheren Sozialbeiträgen aufgezehrt. Vom Aufbruch bleibt wenig
Bild: Shutterstock

Auf dem Papier kann die Reform dennoch attraktiv wirken. Das Finanzministerium nennt beispielsweise mehr als 600 Euro jährliche Entlastung für eine vierköpfige Familie mit rund 60.000 Euro Einkommen. Allerdings beruhen diese Modellrechnungen ausdrücklich auf den heute geltenden Sozialversicherungsbeiträgen. Genau diese Voraussetzung dürfte kaum Bestand haben. Deshalb sagt die Steuertabelle allein wenig darüber aus, was 2028 tatsächlich zusätzlich auf dem Konto bleibt.

Steuerentlastung schrumpft durch Inflation und höhere Beiträge

Das Institut der deutschen Wirtschaft kommt zu einer wesentlich nüchterneren Bewertung. Es bezeichnet den Reformschritt als überschaubar und sieht keinen vollständigen Ausgleich der kalten Progression. Für 2026 und 2027 unterstellt das IW eine kumulierte Inflation von 4,5 Prozent. Damit entstehen 2028 trotz Reform reale Steuererhöhungen. Selbst ein nominales Plus bedeutet deshalb noch lange keinen realen Kaufkraftgewinn. Die groß angekündigte Steuerentlastung verliert damit einen erheblichen Teil ihrer Wirkung.

Hinzu kommen die Sozialversicherungen. Die Rentenversicherung dürfte künftig höhere Beiträge benötigen, während Kranken- und Pflegeversicherung ebenfalls mit erheblichen Finanzierungslücken kämpfen. Selbst bei der Arbeitslosenversicherung steht inzwischen eine Erhöhung im Raum. BA-Chefin Andrea Nahles hält sie wegen der angespannten Finanzlage ausdrücklich für eine mögliche Option. Bereits 0,1 Prozentpunkte zusätzlich würden rund 1,6 Milliarden Euro jährlich einbringen. Gleichzeitig hatte die Koalition noch Anfang Juli erklärt, den Beitrag stabil halten zu wollen – solche Versprechen haben mittlerweile eine immer kürzer werdende Halbwertszeit.

Unternehmen erleben denselben Unterschied zwischen Versprechen und Realität

Den Unternehmen geht es ähnlich wie den Bürgern. Seit Jahren hören sie Ankündigungen über Bürokratieabbau, niedrigere Kosten und bessere Wettbewerbsbedingungen. Doch eine aktuelle BDI-Umfrage zeigt kaum eine Trendwende. Regulierung, Arbeitskosten samt Sozialabgaben und Energiepreise bleiben die drei wichtigsten Belastungen. Der BDI stellt sogar ausdrücklich fest, dass spürbare Entlastungen in der Unternehmensrealität bisher nicht ankommen oder wahrgenommen werden. Nur zehn Prozent der befragten Mittelständler erwarten in den kommenden sechs Monaten eine Verbesserung ihrer Geschäftslage.

Gleichzeitig sorgt die Regierung selbst für zusätzliche Verunsicherung. Finanzminister Lars Klingbeil geriet zuletzt wegen seines Entwurfs zur Einkommensteuerreform sogar beim Koalitionspartner unter Beschuss. Kurz darauf musste er einen Plan zur stärkeren Besteuerung von Vereinen nach heftiger Kritik wieder zurückziehen. Der entsprechende Passus verschwand nur wenige Tage nach Bekanntwerden aus dem Entwurf. Solche Abläufe vermitteln weder einen klaren Kurs noch sorgfältige Vorbereitung. Sie passen deshalb schlecht zu einer Regierung, die von Bürgern und Unternehmen mehr Zuversicht verlangt.


Zwangsbegeisterung ersetzt keine Ergebnisse

Merz hat durchaus recht, wenn er vor einer dauerhaften Kultur des Pessimismus warnt. Kein Land kann wirtschaftlich erfolgreich sein, wenn niemand mehr investiert oder an Verbesserungen glaubt. Doch Optimismus entsteht nicht durch politische Aufforderungen. Vor allem entsteht er nicht, wenn Bürger vor einer Wahl große Entlastungen versprochen bekommen und Jahre später feststellen sollen, dass selbst die angekündigte Reform kaum mehr als Inflation und höhere Beiträge kompensiert. Wer dann enttäuscht reagiert, betreibt keine Schwarzmalerei.

Die Regierung verwechselt deshalb Ursache und Wirkung. Bürger und Unternehmer sind nicht skeptisch, weil sie sich kollektiv entschieden haben, schlecht über Deutschland zu denken. Sie sind skeptisch, weil viele angekündigte Verbesserungen bisher nicht spürbar angekommen sind. Die Politik liefert zu wenig und beklagt anschließend die fehlende Begeisterung darüber. Doch eine Art Zwangsoptimismus senkt weder Steuern noch Sozialabgaben, beseitigt keine Bürokratie und macht Energie nicht billiger. Viel Wind um Reformen reicht nicht. Erst wenn Bürger auf ihrer Abrechnung und Unternehmen in ihrer Bilanz eine tatsächliche Verbesserung erkennen, entsteht jene Zuversicht, die Merz heute bereits einfordert ohne zu liefern.

Verfasser: Klaus Bastian – Blackout News
Verwendete Quellen: Tagesschau (10.08.26)Die Bundesregierung (22.07.26)Institut der deutschen Wirtschaft (07.07.26)BDI (03.0726)Welt (01.07.26)

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