Ein Kommentar unseres Autors Klaus Bastian:
Der Astrophysiker und ZDF-Wissenschaftsmoderator Harald Lesch hat im Oktober 2026 mit einer bemerkenswerten Aussage zur Kernenergie provoziert: „Niemand, der bei Verstand ist, baut heute noch Kernkraftwerke“. Ausgenommen seien Staaten, die Plutonium für Atomwaffen produzieren wollen. Seine Ablehnung begründet Lesch unter anderem mit zunehmender Wasserknappheit. Doch weltweit erfasst die World Nuclear Association aktuell 79 Reaktoren im Bau und weitere 122 konkret geplante Anlagen. Selbst zahlreiche afrikanische Staaten bereiten den Einstieg in die Kernenergie vor. Damit spricht Lesch faktisch Regierungen, Wissenschaftlern und Ingenieuren weltweit den Verstand ab. Ausgerechnet Deutschland demontiert währenddessen seine letzten Kernkraftwerke. Die Frage nach der Vernunft energiepolitischer Entscheidungen stellt sich deshalb auch hierzulande.

Bild: © Superbass / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons), CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Harald Lesch erklärt Entscheidungen zahlreicher Staaten für unvernünftig
China, Indien, Russland, Südkorea, Kanada, Großbritannien, Ungarn, die Türkei, Ägypten, Bangladesch und Pakistan errichten neue Kernreaktoren. Frankreich, Polen, Tschechien, Schweden, Bulgarien und Rumänien verfolgen zusätzliche Neubaupläne. Erst am 15. Oktober 2026 speiste der slowakische Reaktor Mochovce 4 erstmals Strom ins Netz. Auch die Vereinigten Arabischen Emirate betreiben inzwischen vier moderne Reaktoren. Dort dient die Kernenergie der zivilen Stromversorgung. Leschs pauschale Verknüpfung von Neubauten mit Atomwaffenprogrammen wird diesen unterschiedlichen Projekten nicht gerecht.
Noch deutlicher wird die internationale Entwicklung in Afrika. Ägypten errichtet vier Reaktoren mit zusammen 4.800 Megawatt Leistung. Ghana, Kenia, Uganda, Ruanda und Nigeria entwickeln oder prüfen eigene Kernenergieprogramme. Auch weitere afrikanische Staaten beschäftigen sich mit dieser Technologie. Allerdings befinden sich zahlreiche Projekte noch in frühen Planungsphasen. Leschs Aussage betrifft dennoch auch diese Länder und ihre internationalen Technologiepartner. Denn offensichtlich sehen sie in der Kernenergie Chancen für eine langfristig zuverlässige Stromversorgung.
Das neue Argument Wasserverbrauch offenbart technische Verkürzungen
Jahrzehntelang dominierten Reaktorunfälle, radioaktive Abfälle und hohe Baukosten die Kritik an der Kernenergie. Inzwischen rückt zunehmend der sogenannte Wasserverbrauch in den Mittelpunkt. Auch Harald Lesch verweist auf sinkende Flusspegel und steigende Temperaturen. Dabei bleibt eine grundlegende physikalische Tatsache bestehen: Kernkraftwerke vernichten kein Wasser. Bei der Durchlaufkühlung gelangt es größtenteils zurück ins Gewässer. Selbst verdunstetes Wasser bleibt im natürlichen Wasserkreislauf erhalten. Allerdings steht es vorübergehend am ursprünglichen Standort nicht mehr zur Verfügung. Wer Wasserverbrauch mit einem endgültigen Verlust gleichsetzt, verwechselt deshalb unterschiedliche Sachverhalte.
Noch schwerer wiegt die fehlende Differenzierung zwischen verschiedenen Kühlsystemen. Große Wasserentnahmen waren besonders bei älteren Kraftwerksanlagen mit Durchlaufkühlung verbreitet. Geschlossene Kühlkreisläufe reduzieren solche Entnahmen erheblich, benötigen bei Verdunstungskühlung jedoch weiterhin Ersatzwasser. Trockenkühlung kann Abwärme dagegen unmittelbar an die Umgebungsluft abgeben. Bereits der deutsche Hochtemperaturreaktor THTR-300 verwendete eine luftgekühlte Kondensation. Auch gasgekühlte Reaktoren kommen ohne Wasser als Kühlmittel im Reaktorkern aus. Allerdings können diese Technologien zusätzliche Kosten und Wirkungsgradverluste verursachen. Leschs pauschale Ablehnung berücksichtigt solche technischen Alternativen nicht ausreichend.
Ein Wissenschaftsvermittler sollte differenzieren statt abqualifizieren
Harald Lesch ist Professor für Astrophysik und seit Jahrzehnten eine prominente Stimme der Wissenschaftsvermittlung. Besonders durch seine Auftritte im öffentlich-rechtlichen Fernsehen erreicht er ein breites Publikum. Diese Bekanntheit verleiht seinen Aussagen erhebliches Gewicht. Umso problematischer erscheint seine pauschale Bewertung internationaler Kernenergieprogramme. Denn wissenschaftliche Autorität ersetzt weder technische Belege noch eine ausgewogene Betrachtung konkurrierender Technologien.
Lesch darf Kernenergie selbstverständlich ablehnen und ihre Risiken deutlich benennen. Doch seine Formulierung über den angeblich fehlenden Verstand anderer geht weit über eine sachliche Kritik hinaus. Damit wertet Lesch Wissenschaftler, Ingenieure und politische Entscheidungsträger weltweit pauschal ab, weil sie zu anderen technischen und wirtschaftlichen Schlussfolgerungen gelangen, als er selbst. Ausgerechnet mit dieser Herabsetzung Andersdenkender untergräbt er seinen eigenen Anspruch auf wissenschaftliche Sachlichkeit. Denn Wissenschaft lebt von überprüfbaren Argumenten, kritischer Auseinandersetzung und unterschiedlichen Erkenntnissen – nicht davon, abweichende Positionen mit einem Urteil über den Verstand ihrer Vertreter abzuwerten. Besonders widersprüchlich ist das bei einem Wissenschaftsvermittler, der selbst auf faktenbasierte Diskussionen pocht. Auch ein prominenter Fernsehmoderator muss sich an den Maßstäben wissenschaftlicher Argumentation messen lassen.
Deutschland demontiert, während andere Staaten Milliarden investieren
Seit April 2023 erzeugen Deutschlands letzte drei Kernkraftwerke keinen Strom mehr. Inzwischen schreitet ihr Rückbau voran, während andere Länder zusätzliche Reaktorkapazitäten schaffen. Gleichzeitig benötigt Deutschland weiterhin regelbare Stromerzeugung, weil Windkraft und Photovoltaik wetterabhängig produzieren. Deshalb setzt die Energiepolitik unter anderem auf neue Gaskraftwerke, Speicher und Stromimporte. Frankreich erzeugt dagegen weiterhin den Großteil seines Stroms aus Kernenergie. Selbst während sommerlicher Einschränkungen blieb das Land Nettoexporteur.
Natürlich sind neue Kernkraftwerke weder billig noch frei von technischen und wirtschaftlichen Risiken. Hohe Baukosten, lange Genehmigungsverfahren und die Entsorgung radioaktiver Abfälle bleiben erhebliche Herausforderungen. Doch daraus folgt keine generelle Untauglichkeit der Technologie. Andere Industriestaaten bewerten diese Nachteile offensichtlich anders und halten an entsprechenden Investitionen fest. Deutschland hat dagegen die vollständige Aufgabe der Kernenergie politisch beschlossen. Leschs kategorische Ablehnung liefert keine ausreichende Begründung dafür, warum dieser Weg langfristig überlegen sein sollte.
Wer liegt falsch – zahlreiche Staaten oder der deutsche Sonderweg?
Die internationale Entwicklung beweist keineswegs, dass jedes Kernkraftprojekt wirtschaftlich erfolgreich sein wird. Sie zeigt jedoch, dass zahlreiche Regierungen weiterhin erhebliche Vorteile in dieser Technologie sehen. Darunter befinden sich demokratische Industriestaaten, aufstrebende Volkswirtschaften und Länder mit wachsendem Strombedarf. Ihre Entscheidungen verdienen eine sachliche Prüfung. Leschs pauschales Urteil über den Verstand der Verantwortlichen verhindert gerade jene Differenzierung, die eine wissenschaftliche Diskussion auszeichnen sollte.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob ausländische Ingenieure und Regierungen vernünftig genug sind. Vielmehr muss Deutschland die Folgen seiner eigenen energiepolitischen Festlegung beurteilen. Dazu gehören Versorgungssicherheit, Stromkosten, Klimaziele und die langfristige Wettbewerbsfähigkeit der Industrie. Wer weltweit tätigen Experten faktisch den Verstand abspricht, sollte zumindest erklären können, weshalb ausgerechnet der deutsche Sonderweg die bessere Lösung darstellt. Harald Leschs Bekanntheit allein liefert dafür keinen Beweis und sein Argument, dass anderen der Verstand fehlt, auch nicht.
Verfasser: Klaus Bastian – Blackout News
Verwendete Quellen: Welt (26.10.26) – Cicero (27.10.26) – World Nuclear Association (23.10.26) – Slovenské elektrárne (15.10.26)
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