Die Offshore-Windkraft in Deutschland steckt in einer schweren wirtschaftlichen Krise. Wegen steigender Baukosten, verzögerter Netzanschlüsse und unsicherer Einnahmen ziehen sich Investoren aus milliardenschweren Projekten zurück. Gleichzeitig fehlen neue Aufträge für die Industrie, während bereits vergebene Nordseeflächen ungenutzt bleiben könnten. Acht Bundesländer, darunter Bayern und Baden-Württemberg, verlangen deshalb Änderungen an der geplanten Gesetzesreform. Eine Branchenstudie warnt vor dem möglichen Verlust von rund 21.000 Vollzeitstellen und Umsatzeinbußen von mehr als 550 Milliarden Euro bis 2045.

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Milliardenprojekte verlieren ihre wirtschaftliche Grundlage
Noch vor wenigen Jahren überboten sich Energiekonzerne bei der Versteigerung deutscher Nordseeflächen. Unternehmen zahlten Milliardenbeträge für das Recht, dort Windparks errichten zu dürfen. Inzwischen haben sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen jedoch grundlegend verändert. Hohe Investitionskosten, steigende Finanzierungskosten und Verzögerungen bei der Netzanbindung belasten die Rentabilität.
Besonders deutlich zeigt sich die Entwicklung bei BP und TotalEnergies. Beide Energiekonzerne haben erkennen lassen, dass sie bestimmte Offshore-Projekte nicht wie ursprünglich geplant verwirklichen wollen. Allerdings können Unternehmen bereits ersteigerte Flächen nach den bisherigen Regeln nicht einfach zurückgeben. Dadurch drohen wertvolle Standorte und vorgesehene Netzkapazitäten auf Jahre hinaus blockiert zu bleiben.
Offshore-Windkraft: Zehntausende Industriearbeitsplätze gefährdet
Der Bundesverband Windenergie Offshore veröffentlichte am 15. Oktober eine Untersuchung von wind:research mit alarmierenden Ergebnissen. Demnach beschäftigt die deutsche Offshore-Industrie derzeit rund 49.000 Menschen, umgerechnet etwa 31.530 Vollzeitstellen. Bei einem anhaltenden Einbruch der Projektaufträge könnte diese Zahl bis 2045 auf nur noch 9.000 Vollzeitstellen sinken. Damit würde die Branche rund zwei Drittel ihrer heutigen Beschäftigungskapazität verlieren.
Auch die wirtschaftlichen Folgen wären erheblich. Im Krisenszenario beziffert die Studie die kumulierten Umsatzeinbußen bis 2045 auf mehr als 550 Milliarden Euro. Bei Erreichen des gesetzlichen Ausbauziels von 70 Gigawatt sieht sie dagegen Potenzial für rund 90.000 zusätzliche Vollzeitstellen. Allerdings handelt es sich um Szenariorechnungen eines Branchenverbandes und nicht um bereits eingetretene Verluste.
Selbst Bayern fürchtet Folgen für die Industrie
Die Krise betrifft keineswegs nur die Küstenländer. Auch Unternehmen in Bayern und Baden-Württemberg liefern Stahlkomponenten, Maschinen, elektrische Ausrüstung und Kabel für Offshore-Projekte. Deshalb haben sich die Regierungschefs beider Länder einer gemeinsamen Initiative mit sechs weiteren Bundesländern angeschlossen. Sie warnen vor einem Verlust industrieller Fertigungskapazitäten und qualifizierter Fachkräfte.
Für die süddeutschen Industriestandorte spielt außerdem die künftige Stromversorgung eine Rolle. Große Windparks in der Nordsee sollen erhebliche Strommengen liefern, während Industrieunternehmen verlässliche und wettbewerbsfähige Energiepreise benötigen. Allerdings erzeugen auch Offshore-Anlagen bei Windflaute nur wenig Strom. Deshalb bleiben regelbare Kraftwerke, Speicher und ausreichend leistungsfähige Stromleitungen für die Versorgungssicherheit unverzichtbar.
Regierung will gescheiterte Windparkprojekte neu vergeben
Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche hat inzwischen auf die Kritik reagiert. Sie will künftig eine geordnete Rückgabe wirtschaftlich nicht mehr tragfähiger Windparkflächen ermöglichen. Die Unternehmen sollen jedoch weiterhin für ihre bestehenden finanziellen Verpflichtungen einstehen. Zugleich sollen neue Ausschreibungen stärker berücksichtigen, ob die vorgesehenen Windparks tatsächlich gebaut werden können.
Das bisherige Ausschreibungssystem hat deutliche Schwächen gezeigt. Im August 2025 fand sich für zwei Nordseeflächen mit insgesamt 2,5 Gigawatt Leistung kein einziger Bieter. Die Ausschreibungen für 2026 wurden deshalb auf 2027 verschoben. Zudem hatte der Staat 2023 und 2024 Flächen für rund 16 Gigawatt vergeben. Ein Teil dieser Projekte erscheint inzwischen wirtschaftlich fragwürdig, während sich große Netzanschlüsse teilweise um mehrere Jahre verzögern.
Staatliche Preisgarantien könnten neue Kosten verursachen
Besonders umstritten bleibt die künftige Finanzierung der Offshore-Windkraft. Die Bundesregierung plant ein zweistufiges Ausschreibungsverfahren, das zunächst Projekte ohne staatliche Preisabsicherung bevorzugt. Erst anschließend sollen bei Bedarf sogenannte Differenzverträge zum Einsatz kommen. Diese sichern den Betreibern einen vereinbarten Strompreis und begrenzen damit ihr wirtschaftliches Risiko. Liegt der Marktpreis darunter, können Ausgleichszahlungen erforderlich werden. Bei höheren Marktpreisen sind umgekehrt Rückzahlungen vorgesehen.
Die Bundesländer lehnen diese Reihenfolge jedoch ab, weil sie höhere Finanzierungskosten und weitere gescheiterte Ausschreibungen befürchten. Damit entsteht ein grundlegender Zielkonflikt zwischen Investitionssicherheit und finanziellen Risiken für den Staat. Die Branche benötigt wirtschaftlich tragfähige Projekte, doch zusätzliche Preisgarantien können öffentliche Haushalte belasten. Ob die Reform neue Investitionen auslöst, hängt deshalb nicht allein von den Ausbauzielen ab. Entscheidend bleiben tatsächliche Baukosten, Netzanschlüsse und die langfristig erzielbaren Stromerlöse.
Verfasser: Blackout News
Verwendete Quellen: Handelsblatt (28.10.26) – Focus (27.10.26) – Onvista (23.10.26) – Handelsblatt (23.10.26)
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