Neue Berechnungen zeigen: Kernenergie könnte Deutschlands Stromkosten deutlich senken

Eine aktuelle Untersuchung des Instituts Global Energy Solutions zeigt erhebliche Kostenunterschiede zwischen verschiedenen Stromversorgungssystemen. Die im August 2026 veröffentlichte Studie errechnet für Deutschland mit hohem Kernkraftanteil Stromsystemkosten von 16,2 Cent je Kilowattstunde. Vergleichbare Szenarien ohne Kernenergie erreichen dagegen 25,6 bis 41,8 Cent. Die Ergebnisse verschärfen im Oktober die Debatte über den deutschen Atomausstieg. Denn hohe Stromkosten belasten die Industrie, während zusätzliche Reservekraftwerke und Netzinvestitionen erforderlich werden. Ein Wiedereinstieg könnte langfristig die Kosten und den CO₂-Ausstoß senken, erfordert jedoch erhebliche technische und politische Vorarbeiten.

Kernenergie könnte Strom deutlich verbilligen. Eine neue Studie zeigt große Kostenunterschiede und stellt Deutschlands Atomausstieg infrage
Kernenergie könnte Strom deutlich verbilligen. Eine neue Studie zeigt große Kostenunterschiede und stellt Deutschlands Atomausstieg infrage
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Kernenergie senkt in der Modellrechnung die Stromsystemkosten

Das Institut Global Energy Solutions aus Ulm hat verschiedene Wege zu einer klimaneutralen Stromversorgung verglichen. Ein Szenario mit erheblichem Kernkraftanteil erreicht dabei rechnerische Kosten von 16,2 Cent je Kilowattstunde. Ein Versorgungssystem ohne Kernkraft, aber mit 94 Gigawatt gasbetriebener Spitzenlastkapazität, kommt dagegen auf 25,6 Cent. Eine Variante mit erneuerbaren Energien und Stromimporten erreicht sogar 41,8 Cent. Allerdings hängen diese Ergebnisse wesentlich von den jeweiligen Modellannahmen ab.

Der Kostenvergleich berücksichtigt neben der eigentlichen Stromerzeugung auch zusätzliche Anforderungen des Versorgungssystems. Dazu gehören gesicherte Kraftwerksleistung, Speicher und die Integration schwankender Einspeisung. Denn Windkraft und Photovoltaik liefern Strom nicht kontinuierlich nach Bedarf. Besonders während längerer Dunkelflauten benötigt Deutschland deshalb andere Erzeugungsanlagen oder ausreichende Importkapazitäten. Die Kosten dieser Absicherung verändern die Wirtschaftlichkeit der unterschiedlichen Technologien erheblich.


Strompreise steigen trotz weiterer Wind- und Solaranlagen

Wie stark die Abhängigkeit vom Wetter die Großhandelspreise beeinflusst, zeigen aktuelle Marktdaten. Nach Angaben des Fraunhofer ISE lag der durchschnittliche Börsenstrompreis im Juli 2026 bei 105 Euro je Megawattstunde. Im August stieg er auf 127 Euro. In der ersten Septemberhälfte erreichte der Durchschnitt bereits 150 Euro. Ein Jahr zuvor waren es im September lediglich 84 Euro. Ausschlaggebend sind jedoch mehrere Faktoren, darunter Gaspreise, Wetterbedingungen und grenzüberschreitende Stromflüsse.

Besonders deutlich zeigen sich die Unterschiede zwischen Stunden mit hoher Solarproduktion und den Abendstunden. Während große Photovoltaikmengen zeitweise niedrige oder negative Börsenpreise verursachen, entstehen bei geringer Einspeisung teure Knappheitsstunden. Deshalb benötigt das Stromsystem neben erneuerbaren Energien zusätzliche regelbare Kapazitäten. Die Bundesnetzagentur hat dafür im September 2026 eine Ausschreibung über 4.500 Megawatt gesicherte Leistung durchgeführt. Die Betreiber erhalten bei erfolgreicher Teilnahme eine Vergütung für die Bereitstellung ihrer Kapazität über 15 Jahre.

Wiederinbetriebnahme deutscher Atomkraftwerke könnte Milliardeninvestitionen vermeiden

Eine Untersuchung der amerikanischen Radiant Energy Group liefert einen weiteren Ansatz. Die im Juni 2026 veröffentlichte Analyse prüfte die technische und wirtschaftliche Wiederinbetriebnahme stillgelegter deutscher Kernkraftwerke. Nach ihren Berechnungen könnten fünf ausgewählte Reaktoren innerhalb von 41 bis 50 Monaten wieder Strom erzeugen. Die kalkulierten Stromgestehungskosten liegen bei durchschnittlich rund 37 Euro je Megawattstunde. Das entspricht 3,7 Cent je Kilowattstunde und betrifft ausschließlich die modellierten Erzeugungskosten der reaktivierten Anlagen.

Im August bekräftigte Radiant Energy Group ihre Forderung nach einer unabhängigen technischen Bestandsaufnahme. Die Bundesregierung hatte zuvor auf die bestehende gesetzliche Grundlage des Atomausstiegs verwiesen. Allerdings beantwortet diese Rechtslage nicht die wirtschaftliche Frage, welche Anlagen noch reaktivierbar wären. Der fortschreitende Rückbau zerstört zudem technische Voraussetzungen für eine spätere Wiederinbetriebnahme. Die Kraftwerksbetreiber und mehrere Energieexperten beurteilen entsprechende Vorhaben hingegen skeptisch. Sie verweisen insbesondere auf demontierte Komponenten, notwendige Genehmigungen und erhebliche Investitionen.


Andere Länder investieren erneut in Atomstrom

Während Deutschland seine letzten Kernkraftwerke zurückbaut, investieren internationale Unternehmen wieder in Atomenergie. Am 6. Oktober 2026 vereinbarte Google mit dem amerikanischen Energieunternehmen Constellation Energy umfangreiche Stromlieferungen. Ein Teil des Vertrags umfasst 890 Megawatt Kernkraftleistung über 20 Jahre. Constellation plant außerdem Investitionen von mehr als 4,3 Milliarden Dollar zur Erweiterung bestehender Reaktorkapazitäten. Damit setzt der Technologiekonzern auf langfristig verfügbare Erzeugungsleistung.

Die wirtschaftliche Bedeutung reicht jedoch über einzelne Stromlieferverträge hinaus. Kernkraftwerke erzeugen große Strommengen unabhängig von Sonneneinstrahlung und Windgeschwindigkeit. Außerdem verursachen sie während des Betriebs praktisch keine direkten CO₂-Emissionen. Ersetzen sie fossile Kraftwerke, sinken deshalb die Emissionen der Stromerzeugung. In Deutschland bleibt ein solcher Effekt bislang ungenutzt, weil sämtliche kommerziellen Kernreaktoren stillgelegt sind. Ob ihre Reaktivierung tatsächlich günstiger wäre als alternative Investitionen, müsste eine standortbezogene Prüfung klären.

Deutschlands Atomausstieg schränkt die wirtschaftlichen Alternativen ein

Die aktuellen Studien verdeutlichen einen grundlegenden Zielkonflikt der deutschen Energiepolitik. Einerseits soll die Stromversorgung klimaneutral und bezahlbar werden. Andererseits verzichtet Deutschland auf eine bereits etablierte Technologie zur kontinuierlichen CO₂-armen Stromerzeugung. Stattdessen finanziert das System zusätzliche Reserveleistung und den Umbau der Netzinfrastruktur. Diese Kosten tragen letztlich Unternehmen, Verbraucher oder Steuerzahler.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht allein, wie günstig einzelne Windräder oder Solaranlagen Strom produzieren. Maßgeblich sind die Gesamtkosten einer jederzeit sicheren Versorgung. Die neuen Berechnungen liefern deutliche Hinweise auf mögliche wirtschaftliche Vorteile der Kernenergie. Sie beweisen jedoch noch keine konkrete Entlastung deutscher Stromkunden. Ohne eine unabhängige Gesamtbilanz bleibt unklar, wie teuer der Verzicht auf bestehende Kernkraftstandorte Deutschland langfristig tatsächlich kommt.

Verfasser: Blackout News
Verwendete Quellen: NZZ (09.10.26) – Global Energy Solutions (10.08.26) – Denkfabrik r21 (22.09.26)

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