Brüssel – Die EU will russisches Gas spätestens 2027 vollständig verbannen, doch die nötige Ersatzversorgung ist noch nicht zuverlässig gesichert. Europas Gasspeicher sind derzeit nur zu rund 67 Prozent gefüllt. Im Vorjahr waren es zu diesem Zeitpunkt fast 80 Prozent. Gleichzeitig muss die EU künftig zusätzliche Mengen auf dem internationalen LNG-Markt beschaffen. Dort konkurriert Europa jedoch mit asiatischen Abnehmern und anderen Importregionen. Der Europäische Rechnungshof warnt deshalb vor Schwächen bei der Umsetzung von REPowerEU und möglichen Folgen für die Versorgungssicherheit.
Ersatzversorgung hängt zunehmend vom LNG-Weltmarkt ab
Seit 2021 hat die EU ihre russischen Gasimporte stark reduziert. Damals kamen rund 45 Prozent der Einfuhren aus Russland. Im Jahr 2025 lag der Anteil noch bei etwa zwölf Prozent. Die importierte Menge sank dabei von rund 152 auf 36 Milliarden Kubikmeter. Doch diese Mengen müssen nach dem vollständigen Ausstieg dauerhaft durch andere Lieferanten ersetzt werden.

Bild: Shutterstock
Norwegen, die USA und weitere LNG-Lieferanten haben bereits einen großen Teil übernommen. Allerdings lässt sich LNG nicht unbegrenzt und jederzeit zusätzlich beschaffen. Produktionskapazitäten, Tanker, Terminals und langfristige Lieferverträge setzen Grenzen. Deshalb hängt Europas Ersatzversorgung stärker als früher von einem globalen Markt ab, auf dem dieselben Mengen international nachgefragt werden.
Niedriger Verbrauch hat die Versorgung bisher stabilisiert
Der Rückgang russischer Lieferungen gelang zudem nicht allein durch neue Bezugsquellen. Mehrere milde Winter reduzierten den Heizbedarf. Gleichzeitig führten hohe Gaspreise zu einem geringeren Verbrauch bei Haushalten und Unternehmen. Der Rechnungshof weist deshalb darauf hin, dass die sinkenden Russlandimporte nicht ausschließlich auf REPowerEU zurückgehen.
Besonders die Industrie verbraucht heute weniger Gas als vor der Energiekrise. Das stabilisierte die Versorgung, hatte jedoch wirtschaftliche Folgen. Teile der energieintensiven Produktion wurden gedrosselt oder verlagert. Deshalb kann ein dauerhaft niedriger Gasverbrauch nicht automatisch als Beleg für eine ausreichend gesicherte Ersatzversorgung gelten.
Niedrige Speicher erhöhen das Risiko für die Gasversorgung
Die Ausgangslage vor dem kommenden Winter verschärft dieses Problem. Europas Speicher liegen deutlich unter dem Vorjahresniveau. Gleichzeitig können geopolitische Konflikte zusätzliche LNG-Lieferungen verteuern oder verzögern. Ein kalter Winter würde deshalb den europäischen Bedarf schnell erhöhen und die Konkurrenz um verfügbare Gasmengen verschärfen.
Trotzdem hält die EU am Ausstieg fest. Russische LNG-Lieferungen sollen Anfang 2027 vollständig enden. Pipelinegas soll spätestens im Herbst 2027 folgen. Allerdings enthält die Regelung eine Notfallklausel für schwere Versorgungsengpässe. Damit berücksichtigt die EU selbst, dass fehlende Liefermengen die Versorgung gefährden können.
Der entscheidende Punkt ist deshalb nicht allein die Finanzierung von REPowerEU. Europa benötigt genügend Gas aus anderen Quellen, sobald russische Lieferungen vollständig verschwinden. Neue Leitungen, LNG-Terminals und Investitionen helfen nur, wenn tatsächlich ausreichende Mengen verfügbar sind. Ohne gesicherte Ersatzversorgung steigt Europas Abhängigkeit vom LNG-Weltmarkt. Ein kalter Winter oder internationale Lieferausfälle könnten dann direkt zu neuen Versorgungsengpässen und starken Preissprüngen führen.
Verfasser: Blackout News
Verwendete Quellen: Reuters (09.09.26)
Lesen Sie auch:
- EU bleibt hart – kein russisches Gas mehr trotz Krieg, Preisdruck und wachsendem Widerstand
- Russisches Gas in Europa – wie Ungarn und die Türkei die EU-Sanktionen strategisch aushebeln
- Gaspreisexplosion: Amerikanisches LNG mittlerweile doppelt so teuer wie russisches Gas
- Österreich kauft wieder russisches Gas – Importmenge auf Niveau vor dem Ukrainekrieg
