Ein Kommentar unseres Autors Klaus Bastian:
Die Slowakei hat am 15. Oktober 2026 den vierten Reaktorblock des Kernkraftwerks Mochovce erstmals ans Stromnetz angeschlossen. Die Anlage mit 471 Megawatt Leistung soll künftig jährlich rund 3,5 Terawattstunden Strom erzeugen. Während die Slowakei damit ihre gesicherte Stromerzeugung ausbaut, vollzieht Deutschland den entgegengesetzten Schritt. Am 7. Oktober erhielt Isar 2 in Bayern die letzte Genehmigung für den vollständigen Rückbau. Damit verschwindet ein Kernkraftwerk mit 1.410 Megawatt Nettoleistung, obwohl Deutschland zusätzliche steuerbare Kraftwerke benötigt. Der deutsche Sonderweg hat weitreichende Folgen für die Versorgungssicherheit, die Investitionskosten und den Erhalt kerntechnischer Kompetenzen.

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Slowakei stärkt Stromversorgung mit zusätzlicher Kernenergie
Mit Mochovce 4 erweitert die Slowakei ihren Kraftwerkspark um einen weiteren wetterunabhängigen Stromerzeuger. Am 15. Oktober um 20.41 Uhr synchronisierte der Betreiber den ersten Turbogenerator mit dem nationalen Stromnetz. Der Reaktor arbeitete dabei zunächst mit 20 Prozent seiner Leistung. Der kommerzielle Vollbetrieb steht noch aus, soll jedoch nach Abschluss der weiteren Prüfungen beginnen. Dann könnten die slowakischen Kernkraftwerke rechnerisch mehr als drei Viertel des nationalen Strombedarfs decken.
Die Fertigstellung war allerdings mit erheblichen Verzögerungen verbunden. Bereits 1985 begann der Bau der Anlage, doch Finanzierungsprobleme und politische Veränderungen unterbrachen das Projekt mehrfach. Dennoch hielt die Slowakei an der Investition fest. Die ersten beiden Blöcke laufen seit 1998, der dritte nahm 2023 seinen Betrieb auf. Mit dem vierten Reaktor soll die langfristige Versorgung mit kontinuierlich verfügbarem Strom weiter abgesichert werden.
Deutschland demontiert Isar 2 trotz wachsendem Kraftwerksbedarf
In Deutschland folgt die Energiepolitik dagegen einer anderen Prioritätensetzung. Isar 2 erzeugte bis zur Abschaltung im April 2023 zuverlässig große Strommengen. Insgesamt lieferte der Reaktor während seiner Betriebszeit mehr als 335 Terawattstunden elektrische Energie. Bei voller Leistung konnte die Anlage täglich rund 33 Gigawattstunden erzeugen. Diese Kapazität steht dem deutschen Stromsystem nicht mehr zur Verfügung, obwohl der Ersatz gesicherter Erzeugungsleistung erhebliche Investitionen erfordert.
Die zweite Abbaugenehmigung ermöglicht nun auch die Demontage des Reaktordruckbehälters und seiner umgebenden Schutzkonstruktion. Dafür kommen ferngesteuerte Spezialmaschinen zum Einsatz, weil Teile der Anlage radioaktiv belastet sind. Bis 2040 soll der Rückbau abgeschlossen sein. Anschließend ist die Sprengung des 165 Meter hohen Kühlturms vorgesehen. Mit jedem weiteren Demontageschritt schwinden die technischen Möglichkeiten einer späteren Wiederinbetriebnahme.
Technischer Vergleich verdeutlicht Unterschiede bei der Reaktorsicherheit
Besonders bemerkenswert sind die konstruktiven Unterschiede zwischen den beiden Kernkraftwerken. Mochovce nutzt Reaktoren sowjetischer Bauart vom Typ WWER-440/213, deren grundlegende Entwicklung Jahrzehnte zurückliegt. Die Anlagen besitzen keinen westlichen Sicherheitsbehälter in der Ausführung deutscher Konvoi-Reaktoren. Auch die ursprüngliche Auslegung gegen Flugzeugabstürze unterscheidet sich erheblich. Deshalb waren zusätzliche technische Schutzmaßnahmen erforderlich, bevor die slowakische Atomaufsicht den Betrieb genehmigte.
Isar 2 verfügte dagegen über eine massive Sicherheitsumschließung und umfangreiche technische Schutzsysteme. Der deutsche Konvoi-Reaktor war zudem gegen zahlreiche äußere Einwirkungen ausgelegt. Allerdings begründen diese Konstruktionsunterschiede allein noch keinen quantifizierbaren Unterschied im Unfallrisiko. Entscheidend sind auch Nachrüstungen, Betriebszustand und anlagenspezifische Sicherheitsanalysen. Ungeachtet dessen führt der direkte Vergleich vor Augen, welche technisch unterschiedlich ausgestatteten Anlagen Europa künftig betreibt und welche Deutschland endgültig beseitigt.
Deutscher Sonderweg verändert nichts an der Kernenergiepolitik der Nachbarstaaten
Deutschland hat seine letzten drei Kernkraftwerke am 15. April 2023 abgeschaltet. Seither findet hierzulande keine kommerzielle Stromerzeugung aus Kernenergie mehr statt. Die europäischen Nachbarländer verfolgen jedoch teilweise entgegengesetzte Strategien. Frankreich setzt weiterhin auf seinen umfangreichen Reaktorpark, während Tschechien zusätzliche Kernkraftkapazitäten plant. Auch die Slowakei erweitert nun ihre bereits stark nuklear geprägte Stromversorgung.
Damit entsteht ein energiepolitischer Gegensatz mit praktischen Konsequenzen. Deutschland verzichtet auf eigene Kernenergie, bleibt jedoch Teil des gemeinsamen europäischen Strommarktes. Strom aus ausländischen Kernkraftwerken kann deshalb weiterhin deutsche Verbraucher erreichen. Zugleich bestehen grenzüberschreitende nukleare Risiken unabhängig vom deutschen Ausstieg fort. Die Stilllegung heimischer Anlagen reduziert zwar Risiken am jeweiligen Standort, beendet jedoch nicht die Kernenergienutzung in Mitteleuropa.
Neue Gaskraftwerke sollen fehlende gesicherte Leistung bereitstellen
Die wirtschaftlichen Folgen des deutschen Sonderwegs werden bei der weiteren Kraftwerksplanung sichtbar. Laut Bundesnetzagentur benötigt Deutschland bis 2035 zusätzliche steuerbare Kapazitäten von bis zu 22,4 Gigawatt im Zielszenario. Bei einer verzögerten Energiewende steigt dieser Wert auf bis zu 35,5 Gigawatt. Dabei handelt es sich um den gesamten modellierten Zubaubedarf, nicht ausschließlich um Ersatz für abgeschaltete Kernkraftwerke. Dennoch erhöht der Verzicht auf vorhandene gesicherte Leistung die Anforderungen an alternative Erzeugungstechnologien.
Vor allem neue Gaskraftwerke sollen künftig die Stromversorgung bei geringer Wind- und Solarstromerzeugung absichern. Diese Anlagen benötigen jedoch Brennstoff, dessen Preis von internationalen Märkten und Lieferverträgen abhängt. Zudem müssen Investoren Kraftwerke finanzieren, die möglicherweise nur während vergleichsweise weniger Stunden eingesetzt werden. Dafür sind entsprechende wirtschaftliche Anreize und gegebenenfalls staatlich organisierte Vergütungsmechanismen erforderlich. Die Kosten der Versorgungssicherheit verschwinden durch die Stilllegung der Kernkraftwerke somit nicht, sondern verlagern sich auf andere Bestandteile des Energiesystems.
Deutschland verliert nicht nur Kraftwerke, sondern auch technologische Fähigkeiten
Der Rückbau der letzten deutschen Kernkraftwerke verändert außerdem die industrielle Ausgangslage. Mit den Anlagen verschwinden Arbeitsplätze im operativen Reaktorbetrieb sowie langfristige Beschäftigungsmöglichkeiten für spezialisiertes Fachpersonal. Unternehmen verlieren Aufträge aus Wartung, Brennstofftechnik und laufendem Anlagenbetrieb. Zwar bleiben deutsche Firmen weiterhin in Bereichen wie Rückbau, Entsorgung und kerntechnischer Forschung tätig. Dennoch wird die praktische Kompetenz zum Betrieb großer Leistungsreaktoren zunehmend schwerer zu erhalten.
Diese Entwicklung steht im Gegensatz zu Staaten, die ihre kerntechnische Industrie weiterentwickeln. Während dort neue Betriebs- und Bauprojekte langfristige Perspektiven schaffen, konzentriert sich Deutschland vor allem auf Stilllegung und Entsorgung. Eine spätere Rückkehr zur kommerziellen Kernenergie würde deshalb hohe Investitionen und einen erneuten Kompetenzaufbau voraussetzen. Der fortschreitende Rückbau schränkt die verfügbaren Handlungsoptionen zusätzlich ein. Energiepolitische Entscheidungen von heute bestimmen damit die technischen Möglichkeiten kommender Jahrzehnte.
Der deutsche Sonderweg verlangt eine vollständige wirtschaftliche Bilanz
Die Inbetriebnahme von Mochovce 4 und der Rückbau von Isar 2 verdeutlichen zwei unterschiedliche Strategien zur Sicherung der Stromversorgung. Die Slowakei nimmt zusätzliche Kernkraftkapazitäten in Betrieb, während Deutschland bestehende Reaktoren dauerhaft entfernt. Allerdings zeigt die jahrzehntelange Baugeschichte von Mochovce auch die wirtschaftlichen Risiken großer Kernenergieprojekte. Neubauten erfordern hohe Anfangsinvestitionen, verlässliche Finanzierung und lange Planungszeiträume. Diese Kosten gehören ebenso in den Vergleich wie Rückbau, Entsorgung und Endlagerung.
Für die Bewertung des deutschen Kurses reicht deshalb weder ein isolierter Blick auf Kernkraftwerkskosten noch auf günstige Erzeugungsstunden erneuerbarer Energien. Entscheidend sind die Gesamtkosten einer jederzeit zuverlässigen Stromversorgung. Dazu gehören Kraftwerke, Brennstoffe, Speicher, Netzausbau und notwendige Reservekapazitäten. Eine belastbare Bilanz müsste außerdem untersuchen, welche Kosten durch einen zeitlich begrenzten Weiterbetrieb vorhandener Kernkraftwerke vermeidbar gewesen wären. Mit dem endgültigen Rückbau von Isar 2 wird diese Alternative jedoch zunehmend zur theoretischen Betrachtung.
Verfasser: Klaus Bastian -Blackout News
Verwendete Quellen: EP Group (16.10.26) – Slovenské elektrárne (15.10.26) – BR24 (07.10.26)
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