Zu wenig Wind trotz positiver Prognose – geplanter Windpark bei Reutlingen gestoppt

In Reutlingen und Pfullingen ist der geplante Windpark auf dem Käpfle Ende Oktober 2026 endgültig gescheitert. Eine einjährige Messung ergab deutlich geringere Windgeschwindigkeiten als der Windatlas Baden-Württemberg zuvor prognostiziert hatte. Deshalb haben die beiden Städte und der Projektentwickler Schöller SI Erneuerbare das Vorhaben aufgegeben. Vier geplante Windkraftanlagen können unter den derzeitigen Bedingungen nicht wirtschaftlich betrieben werden. Damit entfallen auch die erwarteten Einnahmen für die Kommunen, während die umstrittene Fläche vorerst unbebaut bleibt.

Windpark bei Reutlingen abgesagt: Messungen zeigen deutlich weniger Wind als prognostiziert. Vier Anlagen sind nicht wirtschaftlich
Windpark bei Reutlingen abgesagt: Messungen zeigen deutlich weniger Wind als prognostiziert. Vier Anlagen sind nicht wirtschaftlich
Bild: Shutterstock

Windpark scheitert an tatsächlichen Windverhältnissen

Die Ergebnisse der Windmessung widersprechen den ursprünglichen Planungsannahmen. Von Juni 2025 bis Juni 2026 erfasste ein spezielles LiDAR-Messgerät die Windverhältnisse bis zur vorgesehenen Nabenhöhe. Ein Fachbüro führte die Messungen durch, während ein unabhängiger Windgutachter die Ergebnisse überprüfte. Die tatsächlich ermittelten Windgeschwindigkeiten lagen jedoch deutlich unter den Prognosen des offiziellen Windatlas.

Auch der anschließende Abgleich mit langfristigen Wetterdaten änderte das Ergebnis nicht. Die Abweichung blieb erheblich, weshalb der Projektentwickler keinen wirtschaftlichen Betrieb gewährleisten konnte. Die Verantwortlichen verzichteten deshalb auf weitere Planungen und Investitionen. Konkrete Messwerte und die daraus berechneten Stromerträge veröffentlichten die Beteiligten in ihrer Mitteilung allerdings nicht.


Vier Windkraftanlagen auf 274 Hektar großer Vorrangfläche geplant

Die vorgesehene Windvorrangfläche RT-TÜ-01 umfasst rund 274 Hektar zwischen Reutlingen und Pfullingen. Davon liegen etwa 62 Hektar auf Pfullinger Gemarkung. Der Projektentwickler hatte ursprünglich fünf Windkraftanlagen vorgesehen, reduzierte die Planung jedoch auf vier Anlagen. Jeweils zwei Windräder sollten auf Reutlinger und Pfullinger Gebiet entstehen.

Das Vorhaben war politisch umstritten, obwohl beide Kommunen die weitere Untersuchung ermöglichten. Im Reutlinger Gemeinderat stimmten 22 Mitglieder für die Fortsetzung der Planungen, während 18 dagegen votierten. Auch in Bronnweiler, Gönningen und Ohmenhausen gab es erheblichen Widerstand. Die örtlichen Bezirksgremien lehnten die Pläne teilweise einstimmig oder mit deutlicher Mehrheit ab.

Windatlas überschätzte das tatsächliche Windpotenzial

Besonders bemerkenswert ist die deutliche Abweichung zwischen Windatlas und realen Messungen. Baden-Württemberg nutzt den Windatlas, um geeignete Flächen für Windenergieanlagen zu identifizieren. Die Prognosen beruhen auf computergestützten Strömungsmodellen, Geländedaten und meteorologischen Informationen. Allerdings können lokale Windverhältnisse erheblich von den großflächigen Modellberechnungen abweichen.

Der gescheiterte Windpark zeigt deshalb eine wichtige Grenze der Flächenplanung. Eine ausgewiesene Vorrangfläche garantiert weder ausreichende Windgeschwindigkeiten noch einen wirtschaftlichen Betrieb. Entscheidend ist vielmehr der tatsächlich erreichbare Stromertrag über die gesamte Betriebsdauer. Bereits vergleichsweise geringe Abweichungen bei der Windgeschwindigkeit können den Energieertrag deutlich verändern, weil die im Wind enthaltene Leistung näherungsweise mit der dritten Potenz der Geschwindigkeit steigt.

Kommunen verlieren mögliche Einnahmen aus Windkraft

Für Reutlingen und Pfullingen bedeutet die Entscheidung auch den Verlust potenzieller Einnahmen. Beide Städte hatten auf eine wirtschaftliche Nutzung ihrer Flächen gehofft. Pfullingens Bürgermeister Stefan Wörner bedauerte das Ergebnis ausdrücklich, verwies jedoch auf die sorgfältige Prüfung. Der Verzicht auf weitere Investitionen verhindert nun, dass zusätzliches Kapital in ein voraussichtlich unrentables Projekt fließt.

Reutlingens Oberbürgermeister Thomas Keck will dennoch weitere Möglichkeiten zur regionalen Energieerzeugung prüfen. Allerdings hat das Scheitern auf dem Käpfle gezeigt, dass politische Ausbauziele allein keinen wirtschaftlichen Standort schaffen. Die frühzeitige Windmessung ersparte den Beteiligten weitere Ausgaben und mögliche Fehlinvestitionen. Für die betroffenen Anwohner entfällt zugleich die Aussicht auf vier große Windkraftanlagen in ihrer Umgebung.


Windmessungen werden zum entscheidenden Wirtschaftlichkeitstest

Der Fall verdeutlicht den Unterschied zwischen planerischer Eignung und tatsächlicher Rentabilität. Denn die Wirtschaftlichkeit einer Windkraftanlage hängt nicht allein von ihrer installierten Leistung ab. Entscheidend sind die jährliche Stromproduktion, die Investitionskosten, der Netzanschluss und die später erzielbaren Erlöse. Wenn die Windverhältnisse schlechter ausfallen als erwartet, verschlechtert sich deshalb die gesamte Kalkulation.

Für die weitere Windkraftplanung in Baden-Württemberg liefert das Käpfle ein anschauliches Beispiel. Die Ausweisung einer Vorrangfläche ersetzt keine belastbaren Messungen direkt am Standort. Im konkreten Fall verhinderte die Prüfung einen wirtschaftlich nicht tragfähigen Bau. Gleichzeitig zeigt die Entscheidung, dass auch bereits weit fortgeschrittene Planungen enden müssen, wenn die tatsächlichen Standortbedingungen nicht ausreichen.

Verfasser: Blackout News
Verwendete Quellen: Südwest Presse (27.10.26) – RTF1 (27.10.26) – Reutrlinger General-Anzeiger (27.10.26)

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